Jahrgang 
1 (1864)
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Von Ernſt Fritze. 97

der die Pracht ihres Daſeins erhöhet. Wollte man der lieblichen Ruhe ihres Weſens gründlich nachforſchen, ſo würde der feine Menſchenkenner dieſelbe in einem Mangel an Selbſtvertrauen und in dem brennenden Verlangen nach einer allgemeinen Achtung und Liebe gefunden haben, ſo befremdend dies auch im erſten Augenblicke klingt. Alwine war ein zärt⸗ liches, hochpoetiſch geſinntes Mädchen, das ſich ſchon in ihren Kinder⸗ träumen, inmitten ihres verwilderten Gartens eine ideale Welt gebildet hatte, worin ſie mit den Geſtalten verkehrte, die ihr, nach ihrer kindhaften Anſchauungsweiſe, lals lunerreichbare Größen erſchienen. Ein Blick aus dem Auge einer vornehmen Dame der Stadt beſeligte ſie dergeſtalt, daß ſie zitternd vor Aufregung daran zurückdachte und ſchauernd vor Wonne davon ſprach. Sie ſelbſt war ein ſo erbärmliches Nichts in ihren eigenen Augen, daß jede Freundlichkeit eine Gnadenbezeugung für ſie wurde.

Der geheimnißvolle, zauberhafte Schimmer einer hohen Geburt und eines vornehmen Lebens erſchreckte jetzt ihre Phantaſte und raubte ihr den Muth die Grenzen zu durchbrechen, die ihre Kindheitsträume um ihr ärm⸗ liches Daſein gezogen hatten. Sie fühlte ſich innerlich zwar geehrt durch das Entgegenkommen der jungen Damen, die ſie als reiches Mädchen für ebenbürtig zu erklären Luſt bezeigten, aber ſie konnte nicht vergeſſen, daß ſie in ihrer Kindheit fern von ihnen geſtanden und ihren Spielen nur hatte zuſchauen dürfen. Mit Engelsfreundlichkeit lohnte ſie ihnen ihr jetziges Entgegenkommen, aber ſie erwiderte es nicht und vermied es aus angeborner Schüchternheit die Macht des Geldes gegen ſie geltend zu machen. Während ihr Vater ſie in ſeinem verzeihlichen Ueberſtolze hoch über alle Mädchen der Stadt ſtellte, ſetzte ſie, in ihrem Mangel an Selbſt⸗ vertrauen, ſich ſelbſt tief unter die durch Geburt und Erziehung bevor⸗ zugten Damen und blieb ein Bild der demüthigſten, einfachſten Weiblich⸗ keit, entzückend für den, der ſich die Mühe nahm die Grundelemente ihres Weſens zu zergliedern. Zu dieſer Gemüthseigenthümlichkeit geſellte ſich nun noch eine ſtille Furcht, daß ihr jetziges Glück nur eine Fortſetzung ihrer hochfahrenden Kinderträume ſei und daß alles eines Tages ein Ende nehmen würde. Sie ſah mit einem unerklärlichen Bangen in die Zu⸗ kunft und ließ ſehr häufig im Scherze die Worte hören:„Wenn es nur wahr bleibt, daß wir reiche Leute geworden ſind!“

Am Tage des Frühlingsanfanges hatte Alwine die erſten Veilchen in ihrem ſehr geſchützt liegenden Hausgarten gefunden und dieſe Blüm⸗

Hausblätter. 1864. I. Bd. 7