94 Fortſchritte der Zeit.
arbeitsvolles Leben. Dem widerſprach freilich ſein Pelz, der ariſtokratiſch genug ſeine ſtarke und derbe Geſtalt umſchloß. Aber dennoch war es ſo.
Herr Chriſtoph Andreas Hoffmann war noch vor Jahresfriſt nichts weiter geweſen, als ein armer, ſehr ungeſchickter Maurergeſelle, der nur nothdürftig leſen, ſchreiben und rechnen gelernt und ſein Handwerk noth⸗ dürftig begriffen hatte. Bis zum Meiſter hatte er es nicht bringen kön⸗ nen und ſein Arbeitsgeber ſtellte ihn nur aus Mitleiden ſtets dahin, wo er nichts verderben konnte. Da dieſer beſagte Chriſtoph Andreas Hoff⸗ mann aber von ſeinen Eltern ein kleines Haus nebſt Garten und drei Morgen Ackerland geerbt hatte, ſo ereignete ſich das Wunder, daß des Herrn Bürgermeiſters Stubenmädchen ihn trotz ſeiner Häßlichkeit zum Manne nahm und daß ſie ihm eine Tochter gebar, die im Gegenſatze zum Vater, das ſchönſte Kind in der ganzen Stadt war. In dieſer Tochter, die er, in der Poeſie ſeines ſehr warmen Vatergefühles, Alwine nannte, lebte für ihn das entzückendſte Glück. Er glühete für ſeine Tochter, er veredelte ſich ſogar ihretwegen, als ſie heranwuchs, er lernte mit ihr, er träumte von ihr, er ſparte für ſie.
Alwine erkannte ihres Vaters Liebe und hing mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit an dem häßlichen Vater, während ſie ſehr kaltſinnig neben der Mutter fortlebte, die als Stubenmädchen ſehr nett und reinlich geweſen und als Frau Hoffmann überaus unfreundlich, zänkiſch, faul und ſchmutzig geworden war. Dieſer Frau ging das eigene Wohlbehagen weit über die Luſt, für andere thätig zu ſein und ſie vernachläßigte aus Bequemlichkeit ihre Wirthſchaft dergeſtalt, daß ihr gut eingerichteter Hausſtand gänzlich zu Grunde gegangen ſein würde, wenn nicht Herr Chriſtoph Andreas Hoffmann in ſeiner Vaterzärtlichkeit höchſt eigenhändig geſegt, geſcheuert, gewaſchen und gekocht hätte, um ſeine kleine Alwine, wie ein Püppchen gekleidet, in der weißgeſcheuerten Stube, hinter blankgeputzten Fenſtern ſitzen ſehen zu können. Frau Hoffmann ließ ſich die Thätigkeit ihres Mannes gern gefallen und gewöhnte ſich zuletzt wenigſtens daran, ihrer Tochter beizuſtehen, als dieſe, zu einem bildſchönen Mädchen erwachſen, das väterliche Hausweſen regierte und möglichſt nett und ſauber hielt.
Seit dieſer Zeit lebte denn Herr Chriſtoph Andreas Hoffmann in einem wahren Rauſche von Glück. Seine Tochter flößte ihm ordentlich Ehrfurcht ein. Sie erſchien ihm als ein Weſen höherer Art, und wenn ſie ihre weiche, kleine Hand auf ſeine große Fauſt legte, die ſelten ganz ohne Schmutz war, wenn ſie ihre runden Arme um ſeinen Hals ſchlang


