Jahrgang 
1 (1864)
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Von Ernſt Fritze. 93

dieſem Labyrinthe führen konnte, aus der Hand verloren und mußte ſich nun der Gunſt oder Ungunſt einer höheren Leitung überlaſſen.

So lange hatte Fräulein Vally immer nur an das gedacht, was ſie erſtreben wollte, jetzt trat aber das in Geltung, was ſie erwarten mußte, und ihr Herz fühlte eine namenloſe Bangigkeit bei dem Gedanken, daß ſie vergeblich ein feſtes und geregeltes Daſein aufzugeben willens war um in dem Wogendrange der Geſelligkeit eine precaire Stellung zu ge⸗ winnen. Hier im Dorfe, hier in der ganzen Umgegend wußte jedermann, wer ſie waren, was ſie beanſpruchen konnten, worin ihre Vorzüge be⸗ ſtanden und wodurch ihre Eigenthümlichkeiten begründet wurden. Dort in der Stadt ſollten ſie ſich erſt eine bevorzugte Stellung erobern, dort ſteigerten ſich die Anſprüche an Aeußerlichkeiten, die ſie hier vernachläſſigt hatten, dort mußte neben einer ausreichenden Menge von Subſiſtenzmit⸗ teln auch eine ausreichende Bildung in die Wageſchale geworfen werden, wenn ſie ſich nicht im gewöhnlichen Menſchentroſſe verlieren ſollten. Fräu⸗ lein Vally erkannte jetzt, wo es eigentlich zu ſpät war, daß weder ihr Vater mit ſeinem hausbackenen Verſtande und ſeinen derben Manieren, noch ſie ſelbſt mit ihren mangelhaften Kenntniſſen, mit ihrer mangelhaften Tournüre und mit ihrer mangelhaften Menſchenkenntniß eine bedeutende Rolle auf der Weltbühne übernehmen konnte, ohne ſich gründlich zu bla⸗ miren. Ihre Selbſtzufriedenheit begann nach dieſer Erkenntniß ſtark zu wanken und ſie ſenkte demüthiger als ſonſt, ihr ſtolz im Triumph ge⸗ tragenes Haupt.

Drittes Kapitel. Ein Parvenü.

Der Abend des Tages, welchen man als Frühlingsanfang bezeichnet, dämmerte herein, als ein Reiſender in einem ſchönen, koſtbaren Pelz, von der Eiſenbahn, die zehn Minuten vor den Thoren einer kleinen Provinz⸗ ſtadt vorüberlief, langſam den Weg dahin antrat. Es war ein Mann mit grauen, ſtruppigen Haaren und einem noch grauern und ſtruppigern Barte; es war ein Mann, deſſen koſtbarer Pelz eine zwar moderne, aber unſaubere Kleidung verbarg; es war ein Mann, deſſen Geſicht niemals ſchön geweſen war, aber jetzt durch Alter dergeſtalt entſtellt erſchien, daß man es häßlich und widerwärtig zu nennen ſich berechtigt fühlte. Lang⸗ ſam ſchlenderte dieſer Mann dahin. Sein ſchaufelnder Gang verrieth den Mann aus dem Volke, ſeine nachläſſige und gedrückte Haltung ein

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