90 Fortſchritte der Zeit.
auf demſelben Flecke blieb. Sie reizte zum erſten Male in ihrem Leben den Widerſpruch ihres Vaters, und die Folge davon war, daß er ihr feſt erklärte, ſie werde und müſſe einen Oekonomen heirathen, der das Gut nach denſelben Grundſätzen bewirthſchaften ſolle, wie er es ange⸗ fangen habe.
Vally Gerold war aber die Tochter ihres Vaters. Statt ſich dieſer ausgeſprochenen Willensmeinung zu fügen, keimten abenteuerliche Pläne in ihrem Kopfe auf, die ſie gerade zu durchkreuzten. Sie ſchwieg ſeit⸗ dem, operirte aber im Stillen und gewann ſich in ihrer alten Wirth⸗ ſchaftsmamſell eine treue Verbündete.—„Mein Vater muß Gisfelde ver⸗ kaufen, liebe Müller,“ ſagte ſie ärgerlich gemacht, durch ihres Vaters Willen.„Wir ziehen dann zuſammen in die Stadt und leben herrlich und in Freuden. Wozu ſollte ich mich wohl hier zeitlebens einſperren laſſen!“—„Freilich,“ war die Antwort der Wirthſchafterin,„der Herr Amtmann ſind reich genug um es mit einem Grafen und Präſidenten aufnehmen zu können— ich verdenke es Ihnen nicht, wenn Sie Ihr Leben genießen wollen.“
Bei dieſer bündigen Erklärung verblieb es zwei volle Jahre. Vally merkte, daß ſie vorſichtig zu Werke gehen müſſe, wenn ſie ſchließlich Sie⸗ gerin in dieſem Kampfe bleiben wolle, deßhalb begnügte ſie ſich mit ge⸗ legentlichen Beſuchen bei ihrer Freundin in der Stadt, bis ſie endlich Herrn Juſtus Hagedorn kennen lernte und nun die momentanen Scrupel bei Seite zu ſetzen beſchloß, die ſie von ernſtlichen Unternehmungen gegen ihres Vaters Wohlbehagen abgehalten hatten. Es traten allerdings noch oft Beſorgniſſe ein, die ihre feſten Entſchlüſſe auf die Probe ſtellten, allein ſie begann ihr Werk ſo klug und führte es mit ſo ſiegender Be⸗ redtſamkeit durch, daß ſich der Amtmann Gerold ſehr gewundert haben würde, wenn man ihm nachgeſagt hätte, nicht er, ſondern ſeine Tochter Vally habe Luſt Gisfelde mit einem Aufenthalte in der Stadt zu ver⸗ tauſchen.— Das Ende der heimlich geübten Ueberredungskunſt war die Annonce in der Zeitung, daß Gisfelde verkauft werden ſolle.
Eine Art Gewiſſensangſt überfiel Vally, als ſie den Brief abgehen ſah, der dieſe Annonce enthielt, und es ſchien ihr von dieſem Augen⸗ blicke an, als hätte ſie den Werth ihres Vaterhauſes unterſchätzt, als wäre ſie ſorglos gegen die Weiheſtunden des Glückes geweſen, indem ſie ihre geiſtigen Kräſte angeſtrengt hatte, dies Aſil ihrer ungetrübten Ju⸗ gend gegen den gemeinen Glanz eitler Weltlichkeit herunter zu ſetzen.


