Jahrgang 
1 (1864)
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Von Ernſt Fritze. 89

Schlechte Dienſtboten wagten es demnach gar nicht ſich bei ihm zu mel⸗ den, diejenigen aber, die es gut mit der Herrſchaft meinten, die blieben Jahre lang bei ihm.

Widerſpruch duldete der Amtmann Gerold nie. Aber er war guten Rathſchlägen wohl zugänglich und nahm ſie ſelbſt von ſeinen Dienſtboten an, wenn ſie klug angebracht waren. Die einzige Perſon, gegen die der Amtmann Schwäche zeigte, war ſein einziges Kind, ſeine Tochter Vally. Das Lächeln dieſes Mädchens lenkte ſeine Entſchlüſſe und ihre Worte waren für ihn Befehle. Glücklicherweiſe benutzte Vally dieſe Macht nicht, ſondern betrug ſich, wie ſich ein etwas verwöhntes, aber ſonſt gut⸗ artiges Kind betragen muß. Sie bat und ſchmeichelte, wo ſie hätte for⸗ dern dürfen und ihr ſtürmiſcher Dank öffnete immer von neuem das Ver⸗ langen in ihres Vaters Herzen ihr Zärtlichkeit beweiſen zu wollen.

Vally Gerold war ein überaus reizendes Weſen, doch keinesweges ohne Fehler und Schwächen. Natürlich, friſch, fröhlich, heiter und le⸗ bensluſtig, dabei ziemlich ſelbſtbewußt und ſelbſtſtändig, wie es Mädchen, die ohne Mutter aufwachſen, ſo leicht werden. Vally war klug, aber ſie hatte keine ausreichende Weltbildung. Vally war reinen Herzens, un⸗ ſchuldig, züchtig und ehrbar, aber ſie mißachtete die gebräuchlichen For⸗ men der Zurückhaltung, ihr fehlte die Schüchternheit des weiblichen Zart⸗ ſinnes. Bis zu ihrem achtzehnten Jahre hatte ſie das väterliche Haus nur auf Stunden und zwar in Begleitung ihres Vaters verlaſſen. Ihr einfaches Stillleben befriedigte ſie. Die reiche, ſchöne Natur um Gis⸗ felde weckte eine poetiſche Vorliebe für das Landleben überhaupt und die fürſtliche Selbſtſtändigkeit ihres wohlhabenden Vaters entſchädigte ſie für die Freuden der großen Städte, die ſie nur aus Erzählungen ihrer Freun⸗ dinnen kannte. Ein einziger Beſuch bei einer verheiratheten Jugend⸗ freundin ſollte dieſe ganze Jugendphiloſopbie umſtürzen.

Vally Gerold kam als ein völlig verwandeltes Mädchen in ihre Heimat zurück. Der Reiz des Landlebens war ihr verkümmert durch den Glanz des Stadtlebens. Sie hatte Genüſſe kennen lernen, die ihre Phan⸗ taſie mächtiger zu feſſeln wußten, als die ſtille Einfachheit und Einför⸗ migkeit ihres Vaterhauſes trotz aller Gediegenheit. Dem Amtmann Ge⸗ rold entging die Veränderung ſeiner Tochter nicht. Er machte ihr Vor⸗ ſtellungen, er ſetzte die Vorzüge ihres ländlichen Lebens in's rechte Licht. Es half ihm nichts. Vally ſehnte ſich fort aus dem Einerlei eines Hausweſens, welches ſich wie ein Rad um ſich ſelbſt drehete und immer

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