88
Fortſchritte der Zeit.
ſagen:„ſelbſt in Gisfelde iſt nichts gerathen,“ das hieß denn allemal ſo viel, als„man könne es anderwärts nicht beſſer erwarten.“ d Der Amtmann Gerold hatte ſeine Wohnung in einem breiten, zwei⸗ I
ſtöckigen Hauſe, das ringsum von Scheunen und Ställen umgeben war. Vornehm geſinnte Leute hätten es ſicherlich ein Schloß genannt, aber der Amtmann Gerold gehörte nicht zu den Männern, die ihrer äußern Stel⸗ lung Glanz zu verleihen trachten. Er war ein phlegmatiſcher Landbe⸗ wohner, der ganz nach denſelben Grundſätzen lebte und wirthſchaftete, wie ſein Vater, und ſein Leben glich gewiſſermaßen einer Uhr, die auf⸗ gezogen und geregelt, mit den Stunden zugleich den Beginn, Verlauf und das Ende eines Tagewerks anzeigt.
Aber der Amtmann Gerold verträumte, trotz ſeines Phlegma's die Zeit keineswegs. Er ſchaute hell um ſich und ergriff, ohne einen Begriff von der Speculationswuth der Zeit zu haben, ſehr häufig die beſten Mittel vorwärts zu kommen. Da er die Wochentage als Arbeitstage be⸗ trachtete und das Leſen der Zeitungen zu den Vergnügungen des Lebens zählte, ſo las er nur Sonntags eine Zeitung ſehr verſtändiger Tendenz und blieb ſomit allen politiſchen Aufregungen auch ohne Preßzwang ſehr fern. Vom erwachten Nationalbewußtſein wußte er alſo blutwenig, um die deutſche Einheit grämte er ſich nicht und von Conſtitution oder Re⸗ gierungsverfaſſungen neuer Art verſtand er nichts. Ein glücklicher Mann war er, den nichts aus ſeiner Seelenruhe aufſcheuchte und der, außer vielen Vorzügen einer gemüthlichen Lebensſtellung, noch das Glück hatte eine liebenswürdige Tochter zu beſitzen. Seine Gattin war ihm zwar
früh geſtorben, allein die Ruhe ſeines Temperamentes hatte verhindert,
daß er ſich um ihren Verluſt allzu ſehr gegrämt. Zuerſt fühlte er die 6 Lücke ſchmerzlich, nachdem er jedoch eine tüchtige Wirthſchafterin gereiftern Alters gefunden, verharſchte dieſe Wunde bald und man ſah ihn nach wie vor im Forſt, auf den Feldern und Wieſen, in den Gärten und Ställen thätig auftreten.
4 Der Verkehr mit dem Amtmann Gerold war aber im Allgemeinen nicht leicht. Er gehörte zu den wortkargen und ernſthaften Männern, die dem Geſinde ſtets mehr Furcht, als Liebe einflößen. Sein Wort galt als Schwur und er vertraute ebenſo blindlings dem Worte Anderer, bis die Erfahrung ihn überzeugte, daß ſein Vertrauen gemißbraucht wurde.
Dann zeigte er ſich ſtreng bis zur Härte, ohne Gnade, ohne Nachſicht, hart bis zur Barbarei. Man wußte dies und fuürchtete ſeinen Zorn.


