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Sitte
Von Ernſt Freiherrn v. Bibra. 79
Monde beginnt man wieder mit kleinerer Doſis, allmälig zur ſtärkeren übergehend.— Wird der Genuß des Arſeniks aber gänzlich ausgeſetzt, ſo zeigt ſich ein großes Unbehagen und, bei einer vollkommenen Gleich⸗ gültigkeit gegen alles, was den Kranken umgibt, eine ängſtliche Sorgfalt für ſich ſelbſt, dann Mangel an Appetit, vermehrte Speichelabſonderung, Krämpfe, Leibſchmerzen, Verſtopfung und Athembeſchwerde. Aber alle dieſe Symptome verſchwinden raſch, wenn wieder die gewohnte Menge des Giftes genoſſen wird.
Hieraus erhellt, warum man, hat man einmal begonnen Arſenik zu eſſen, ſchwerlich damit aufhören wird, und auch die Gründe, warum man damit beginnt, ergeben ſich aus dem Vorhergeſagten zum Theil von ſelbſt.— Man weiß durch die Erfahrung, daß beim Beginne mit gerin⸗ gen Mengen das Gift nicht nachtheilig wirkt, und auf der andern Seite lehrt wieder die Erfahrung, daß man durch deſſen Genuß muthig wird, ſtark, und ein wohlhäbiges Ausſehen erlangt. Wenn man einen hohen Berg beſteigen will, ſo erleichtert ſchon eine Gabe von ½ Gran einem Anfänger das Bergſteigen bedeutend; ein geübter Arſenikeſſer nimmt einen, oder ein und einen halben Gran über ſeine gewöhnliche Doſis und iſt dann im Stande, mit einer ſchweren Laſt auf dem Rücken, leichten und flüchtigen Fußes die ſteilſten und höchſten Berge zu beſteigen, ohne zu ermüden und ohne die mindeſte Athembeſchwerde zu empfinden, weß⸗ halb man in dieſem Falle das Arſenikeſſen ſich„lüftiger“ machen nennt.
Nicht ſelten ſoll auch der Arſenik genommen werden einfach aus dem Grunde, um ein friſches und blühendes Ausſehen zu erhalten, und auf dieſe Weiſe bei dem geliebten Gegenſtande im vortheilhaften Lichte zu erſcheinen, vielleicht um noch liebenswürdiger zu ſein als bisher, viel⸗ leicht auch um einem, ſchon von Natur aus wohlbeleibten Nebenbuhler würdiger entgegentreten zu können.
In Summa: Der ſonderbare Gebrauch unterliegt keinem Zweifel, und eben ſo ſcheint mit Sicherheit ſich herauszuſtellen, daß, wenn man nach den Regeln der Kunſt und mit Vorſicht beginnt, in den meiſten Fällen ſich keine nachtheilige Wirkung des Arſenikeſſens zeigt.
Bei einzelnen Individuen nimmt die Sache freilich wohl auch einen ſchlimmen Ausgang, beſonders wenn unvorſichtig begonnen und die Gaben zu raſch geſteigert werden.— Tſchudi erzählt von einem Mädchen, das vollkommen geſund, aber blaß und ſchmächtig war. Um ihrem Liebhaber


