Jahrgang 
1 (1864)
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Von Otto Jäger. 65

Schüler aufgeſtanden, zum retouchiren in das Atelier heruntergebracht hatte. Obſchon er es in einer Ecke verborgen, war es doch in dem Ge⸗ tümmel der Vorbereitungen für den Beſuch verrückt worden und unab⸗ ſichtlich an eine augenfälligere Stelle zu ſtehen gekommen. Der Sklave, welcher den Tadel des Meiſters und die quälende Spottluſt ſeiner Schüler fürchtete, zitterte wie ein Verbrecher. Rubens ſagte:Ich glaubte einen Augenblick, Velasquez, das Bild ſei von Euch Pareja richtete den Kopf auf und glaubte kaum ſeinen Ohren trauen zu dürfen. Seine Ar⸗ beit war für die ſeines Meiſters gehalten worden!Bei näherer Be⸗ trachtung aber finde ich, fuhr Rubens fort,daß es das Werk eines Eurer Schüler ſein muß. Wer es aber auch ſei, er kann ſich in Zukunft Meiſter nennen, denn ich erkenne darin den Geiſt der ächten Kunſt. Jedes dieſer Worte ſteigerte Pareja's Herzklopfen; aber niemand achtete auf ihn.

Ich weiß in der That nicht, bemerkte Velasqnez, das Bild mit Erſtaunen betrachtend,wer es gemacht hat. Es war mir unbekannt, daß es ſich in dem Atelier befinde, und wie talentvoll auch einige von meinen Schülern ſind, kenne ich doch keinen, der ein ſo treffliches Werk zu ſchaffen im Stande wäre. Er ſah ſich unter ſeinen Schülern um und fragte:Wer von euch Herrn hat dies gemalt?

Niemand antwortete. Endlich fiel ſein Auge auf den Mulatten. In unausſprechlicher Bewegung fiel Pareja vor ſeinem Meiſter auf die Kniee nieder.Ich bin es geweſen, ſagte er. Er wäre völlig zuſammen⸗ gebrochen, wenn nicht Van Dyck ihn aufgefangen und unterſtützt hätte. Dann begann er zu weinen und vermochte kein Wort mehr hervorzubringen. Rubens und Velasquez hoben ihn auf und umarmten ihn. König Phi⸗ lipp fühlte ſich angeſprochen von der rührenden Scene, trat hervor, legte die Hand auf die Schulter des Mulatten und ſprach:Ein ſo genialer Menſch darf kein Sklave bleiben. Erhebe dein Haupt und ſei frei. Ich laſſe deinem Meiſter zweihundert Golddublonen ausbezahlen als dein Löſe⸗ geld.Und dieſes Geld ſoll dir gehören, fügte Velasquez bei. Habe ich nicht genug gewonnen, daß ich ſtatt eines Sklaven in dir einen Künſtler und Freund fand?Oh, ſtets Euer Sklave, rief Pareja mit tiefer Bewegung.Ja, ich will ſtets Euer Sklave ſein, fügte er bei, die Kniee ſeines Meiſters umfangend.

Rubens fuüͤhlte ſich von dem Auftritt ſo bewegt, daß er Palette und

Hausblätter. 1864. I. Bd. 5