Jahrgang 
1 (1864)
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Von Otto Jäger. 63

den größten Gelehrten Europas, und als Diplomat brachte er mit den Potentaten, die er malte, Friedensverträge zum Abſchluß.

Wenige Menſchen haben je in höherem Maße die perſönlichen und geiſtigen Befähigungen beſeſſen, die ſich für einen Geſandten eignen. Sein Auftreten war edel und würdevoll, ſeine Figur ſchön, ſein Geſicht, obgleich kühn und männlich, von merkwürdiger Regelmäßigkeit. Seine Stimme klang angenehm, und mit aller höfiſchen Feinheit verband er doch ein offenes, ungekünſteltes Benehmen. Dabei redete er in ſieben Sprachen und war ein ebenſo vollendeter Meiſter in der Rhetorik, als im Malen.

Sein liebenswürdiger Charakter verdiente ebenſo ſehr Bewunderung wie ſein Genius. Er unterſtützte junge Künſtler in Rom aus eigenen Mitteln. Als er hörte, daß ſein bedeutendſter Gegner Cornelius Schut brodlos und ohne Verdienſt war, ſchaffte er ihm ſogleich Beſchäftigung und verwandelte dadurch einen Feind in einen Freund. Zur Entwaffnung einer feindſeligen Kritik bediente er ſich keines anderen Mittels, als daß er eben das leiſtete, wozu man ihm die Befähigung abſprach. Als man ſeine Kopfſtudien tadelte, malte er ſeine berühmte Kreuzabnahme. Van Uden und andere ſeiner Schüler ließ er in ſeinen Bildern die kleineren Thiere und Landſchaftspartieen ausführen, was ihm den Vorwurf zuzog, er könne derartige Dinge nicht ſelbſt machen. Deßhalb ſtellte er bald nachher Jagdſcenen und Landſchaften von hoher Vortrefflichkeit aus, in denen jeder Pinſelſtrich von ſeiner eigenen Hand herrührte. Er liebte es, gegen ſeine Schüler ein ſpaniſches Sprichwort des Inhalts zu citiren: Mache deine Sachen gut, ſo wirſt du Neider ziehen, mache ſie beſſer, ſo wirſt du ſie beſchämen.

Velasquez wurde durch den angeſagten Beſuch in hohe Aufregung verſetzt; denn abgeſehen von der Ehre war es ihm von großer Wichtig⸗ keit, das Urtheil des berühmten Meiſters über ſeine eigenen Gemälde zu hören.Mein NRuhm iſt nichts, ſagte er,ſo lange ihm die Anerken⸗ nung des großen Rubens fehlt. Um Mittag erſchienen zwei Gruppen Beſuchender vor der Thüre des ſpaniſchen Malers. Die eine davon machte ehrerbietig Halt, um dem König Philipp, der von den höchſten Großen des Reichs umgeben war, den Vortritt zu laſſen; ſte beſtand aus Rubens, Vandyck, Snyders, Van Uden und andern ſeiner Schüler. Rubens näherte ſich dem König, um ihm ſeine Chrfurcht zu bezeigen;

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