Von Edmund Hoefer. 33
worden. Er ſah ja das Etui, ſobald er den Schrank öffnete. Der im rothen Käſtchen war dagegen beim Goldſchmied geweſen, da eine Kleinig⸗ keit daran zu verbeſſern war, und Roman hatte ihn, wie geſagt, am ver⸗ gangenen Tage abgeholt, mit nach Heſſenberg zur Vergleichung genommen und wieder zurückgebracht.
Jetzt bei genauerer Unterſuchung fand ſich auch eine Börſe mit vier bis fünfhundert Gulden in Gold, die der Juwelier in der Stadt einge⸗ nommen, nicht mehr vor. Sie hatte auf dem zweiten Brett hinten in der Ecke und von Wäſche überdeckt gelegen, wo man ſie nur bei genauem Nachſuchen hatte entdecken können. Darauf kam aber jetzt wenig an, der Werth des geſtohlenen Schmucks überſtieg dieſe Summe mindeſtens um das zwanzigfache.
Und wir fragten jetzt, ſo peinlich die Sache und ſo groß der Verluſt auch war, nicht einmal nach dem, ſondern vor allem, wie der Diebſtahl möglich geworden. Es ſtand feſt, daß in Romans Abweſenheit niemand anders als die Line das Zimmer betreten, und ſie ſchwor hoch und heilig, dasſelbe ſtets wieder auf das beſte verſchloſſen zu haben, während auch Roman zugeſtehen mußte, daß er es ſtets ſo gefunden. Es gab, wie zu allen Stuben, auch hier nur einen Schlüſſel, den Hauptſchlüſſel ließ mein Vater nien aus den Händen und hatte ihn ſeit vielen Jahren nicht ge⸗ braucht. s Thürſchloß war gut, einen andern Eingang beſaß das Zimmer nicht. Der ſogenannte Wandſchrank endlich war nicht in die Wand hinein, ſondern an ſie herangebaut, ſo daß die Zimmer⸗ und Haus⸗ wand ſeine Rückſeite bildete, während Vorder⸗ und Seitenwände aus ſtarkem, völlig unverletztem Kirſchbaumholz beſtanden. Er trat vielleicht einen Fuß breit oder etwas mehr in's Zimmer vor und reichte vom Fuß⸗ boden bis an die Decke. Drinnen zerfiel er in zwei Abtheilungen, die eine für Kleidun agsſtücke, Schuhzeug und Hüte, die andere in vier Fächer getheilt, zum Aufbewahren von Wäſche uud dergleichen. Und um das zu wiederholen: die Rückwand bildete die Hausmauer und war ebenſo heil und ganz wie die wohl eingefügten Seitenwände, während das Thür⸗ ſchloß von alter Arbeit und ſo kunſtreich war, daß es der zur Probe herbeigeholte Schloſſer mit einem Dietrich nicht zu öffnen vermochte.
Es blieb keine andere Erklärung in unſeren Augen, als daß noch ein zweiter Schlüſſel vorhanden ſein müſſe. Wer aber beſaß denſelben, wie hatte er ſich ihn verſchafft, ja, wie und wann war er zuerſt über⸗
Hausblätter. 1864. I. Bd. 3


