Jahrgang 
1 (1864)
Einzelbild herunterladen

32 Memoiren eines alten Gaſtwirths.

hörten. Natürlich flog ich dem Alten, dem das Treppenſteigen zumal nach Tiſch nicht leicht wurde, vorauf, da es in Wahrheit klang, als ſei droben ein Unglück geſchehen, und als ich in die auch hier offen ſtehende Thür von Nummer Eins ſtürzte, ſchrie mir Herr Roman, der vor dem Wandſchrank ſtand, ohne ſich nach mir umzuſehen, zu:Kronberg, ich bin ja auf das nichtswürdigſte beſtohlen!Beſtohlen? ſchrie ich ihm nach.Unmöglich! Es iſt nie jemand auf Ihr Zimmer gekommen, als das Mädchen zum Aufräumen und ich, wenn Sie daheim waren.

Und doch doch! Ich begreif' es ſelber nicht! Das Schloß iſt unverletzt, der Schlüſſel nie aus meiner Taſche gekommen. Wenn es wirklich keinen zweiten Schlüſſel gibt.Nein, Herr Roman, es gibt keinen, ſagte ich bebend vor Schreck, obſchon hierin meiner Sache gewiß.Aber es iſt ja gar nicht möglich!Es iſt wahr, das iſt ſchlimmer, verſetzte er heftig.Seht her da hat dies blaue Etui geſtanden, hier oben, auf dem dritten Brett, ſo daß ich eben hinauflangen konnte, und zugleich hob er das Käſtchen, das geöffnet und leer zu ſei⸗ nen Füßen lag, auf und ſtellte es an den angegebenen Platz, wo ich, der ich ſo viel kleiner, nur eben den vorderen Rand desſelben bemerken konnte.Und dieſes, redete er nicht minder raſch weiter und nahm ein rothes Etui vom Fenſtergeſims und ſtellte es neben das blaue hinauf, dies ſtand ſo. Ich brachte es geſtern Abend von Heſſenberg mit zurück und ſetzte es hin der Schmuck iſt noch darin, ſo daß der andere der von Perlen und Rubinen entweder geſtern oder ſchon früher ge⸗ ſtohlen ſein muß. Denn heut hätte der Dieb ſich nicht mit dem einen begnügt.

Mittlerweile war auch der Herr Vater heraufgekommen, gefolgt von den letzten Tiſchgäſten, die mit Roman den Abſchiedstrunk gethan. Die unglückliche Geſchichte wurde auf's neue erörtert, ohne dadurch etwas zu beſſern, denn der Schmuck war fort und es war nicht zu ergründen wie, geſchweige denn wann er verſchwunden. Herr Roman hatte dieſe und andere Stücke wie geſagt bei ſich behalten, weil er ſie anfangs mit nach Heſſenberg genommen, hernach auch ſeinem Freunde, dem Goldſchmied, und Liebhabern in der Stadt vorgezeigt. Einiges hatte er wirklich ver⸗ kauft, die beiden vollſtändigen Schmucke aber nicht. Der im blauen Etui ſtand ſeiner Angabe nach, ſeit mindeſtens acht Tagen unberührt oben auf dem dritten Brett und war von dem Juwelier in dieſer Zeit nicht beſichtigt