10 Memoiren eines alten Gaſtwirths.
iſt Euch hüben und drüben ſchlecht ergangen, müde ſeid Ihr und die Füße thun Euch weh. Dabei iſt's keinem Menſchen leichtherzig und vernünftig zu Muth. Jetzt geht Ihr'mal hinauf, die Mutter ſoll Euch nach Num⸗ mer Sieben bringen, das iſt juſt ſo ein kleines ſtilles Neſt wie Ihr's braucht— in Nummer Eins iſt's zu räumlich und vornehm, das iſt nichts für einen Betrübten. Da legt Ihr Euch in's Bett, eßt heut Abend eine Suppe, ſchlagt Euch alle dummen Gedanken aus dem Kopf, und morgen oder übermorgen wollen wir über Eure Sache vernünftig reden. Baſta.“
Wenn mein Vater einmal Baſta! geſagt hatte, war nicht weiter mit ihm zu reden, und meine Mutter, die bei der Erzählung der Manſell nicht ganz ſo gerührt geworden und auch während des Vaters Rede mehr⸗ mals die Augen gekniffen oder die Lippen verzogen, mit dem Kopf ge⸗ wackelt und die Achſeln gezuckt— natürlich ſo, daß er's nicht ſah, denn ſie traute dem Frieden nicht,— machte daher auch gar keine Einwen⸗ dungen, als daß ſie fragte:„und wenn der Herr Matz kommen thäte?“ —„So kommt er und geht auf Nummer Eins,“ ſagte der Herr Vater kaltblütig.„Jetzt hinauf, Mutter, und ſieh dir auch einmal die Füße von der Mamſell an und gib ihr was dafür— das iſt dein Amt. Alſo morgen, Mamſellchen, oder übermorgen— laßt Euch darüber keine grauen Haare wachſen. Wir bringen's alles zurecht, ſag' ich Euch!“
Ei ei, mein hochzuverehrender Herr Papa! dachte ich, als die Beiden abſpaziert waren, nachdem der Alte dem Mädchen noch einmal ganz mun⸗ ter zugenickt. Sieh, ſieh, was wir noch für ein warmes Herze haben! Und dabei legte ich unwillkürlich in meiner Herzensfidelität, die mich, ich weiß nicht woher, überkommen, den Daumen meiner rechten Hand an die Naſe und ſpreizte die Finger möglichſt weit hinter ihm d'rein— natür⸗ lich ſo, daß er's nicht ſah, denn ſonſt hätte mich nach ſeinem Ausdruck, ein heiliges Kreuz⸗Donnerwetter in den tiefſten Erdboden verſchlagen. Aber ich konnte mir nicht helfen. Zuerſt von ihm ſo abgekanzelt und jetzt ihn ſelber noch viel theilnehmender zu ſehen als ich je geweſen— denn daß er ſie in Nummer Sieben logirte, geſchah nicht aus Sparſam⸗ keit, ſondern weil es dort wirklich für einen kranken Menſchen behaglicher war— es war wohl lachenswerth und eine volle Revanche für mich.
Nach einer Weile kam die Mutter wieder herein.„Na wie ſteht's?“ fragte der Alte, der ſich inzwiſchen eine Pfeife angebrannt und an's Fen⸗ ſter geſetzt hatte, wo er Rechnungen durchſah.—„Die Füße ſehen miſe⸗
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