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Von Edmund Hoefer. 9
offener, und es ſah in dem armen Herzlein todestraurig aus. Man ſpürt' es wohl, am ſchrecklichſten war ihr's, wieder nach Gernsbach und zu dem Weibsbilde zurück zu müſſen, das ſie reſpectiren ſollte und doch nur noch verachten konnte. Die Thränen ſtanden ihr bei ihrem letzten Erzählen immer in den Augen, die Wangen glühten und die kleinen braunen Hände zitterten— gemacht zur Arbeit waren dieſe Hände nicht, das ſah man ihnen an, aber daß ſie tüchtig angegriffen und gearbeitet, fühlte und ſah man auch. Und als mein Herr Vater znun, da ſie end⸗ lich fertig war, fragte:„na Mamſellchen, und was nun?“— da war's gar aus. Die Thränen fielen ihr aus den Augen wie Regen und ſie ſchluchzte:„ich wollte, ich wär' todt! Die Mutter daheim hat's ſchwer und keine Arbeit für mich, daß ich mein Brod verdienen könnte, und ge⸗ mocht hat ſie mich auch niemals recht und kein Herz für mich. Mir geht's eben zu elend und das Glück iſt nicht für mich in der Welt! Lieber Gott, ich wollte ja gern arbeiten und mich ehrlich durchbringen und keinem zur Laſt fallen— ſei es was es ſei, mir wär' alles recht, ich kann arbeiten und ich will arbeiten, ich kann's gut aushalten. Aber wer nimmt die Herumſtreicherin? Ich hab' eben kein Glück und möchte mich grade hinlegen und ſterben. Da hat alle Noth ein Ende.“
„Na na, Jüngferchen,“ ſprach mein Vater und zwinkerte ein wenig mit dem rechten Auge, was bei ihm immer ein Zeichen, daß er ſehr ge⸗ rührt und ſo zu ſagen windelweich— denn ſo dick der alte Herr auch war und ſo leicht er grimmig wild werden konnte, beſaß er doch daneben ein weiches Herz und große Gutmüthigkeit, und wenn er jemand weinen ſah, ging's ihm faſt wie Unſereinem, wenn er einen Andern gähnen ſieht — man muß es nachmachen;„na na, Jüngfern,“ ſagte er und legte ſeine große Hand über die ihre, die darin ausſah wie die Maus in der Falle, „was ſind das alles für lamentable Geſchichten? Habt Euch nur nicht ſo und redet da nicht gleich gottlos von Sterben und ſolchem dummen Zeug. Es gibt nicht lauter Unglück in der Welt, ſondern auch noch Glück, und Ihr ſeht mir by Gott nicht nach dem erſteren aus. Es gibt ſchon noch Menſchen, die eine Hand übrig haben für ihren Nächſten und ihn nicht ſtecken laſſen, wo ſie nur merken, daß er ſich auch ſelber helfen will. Drum müßt Ihr nicht verzagen und Euch die Augen ausweinen; die ſind zu ganz anderen Dingen gemacht als zu Thränen, mein' ich.— Jetzt will ich Euch aber'mal was ſagen,“ fuhr er juſt ſo herzlich fort,„es


