8 Memeiren eines alten Gaſtwirths.
ſelten oder nie gehabt; das Mägdlein hätte daher faſt einer Legitimation bedurft, um überhaupt nur anerkannt zu werden, als ſie wie vom Him⸗ mel geſchneit, in dieſen Zuſtand fiel. Doch ließ man ſie die paar Tage, bis die Tante richtig geſtorben und begraben war, ſchweigend gewähren und nahm ihre willig gebotene Hülfe gern an. Am erſten ruhigen Tage aber fragte der hinterbliebene Gatte, was ihm eigentlich die Ehre ihres Beſuchs verſchafft und wie lange derſelbe etwa währen würde. Da kam denn nun die Nichtsnutzigkeit der Stiefmutter zum Vorſchein, die das arme Ding ohne Weiteres in die Welt— bald hätt' ich geſagt: in den Wald geſchickt. Denn es war ja faſt grade ſo wie in den alten Mär⸗ chen: die Kinder ſchickt das böſe Weibsbild in den Wald, daß ſie der Oger oder ſonſt ein Unthier frißt.
Gefreſſen wurde nun freilich Agnes— den Namen hatte das Kind — nicht, wie auch die Märchen⸗Kinder ja faſt immer recht ordentlich da⸗ vonkommen, allein ſonſt ging's ihr übler als denen, die eben doch immer eine barmherzige Seele finden. Sie fand keine ſolche. Der Mann er⸗ klärte ihr rund heraus, er habe keinen Platz für ſie und Mühe genug ſich mit ſeinen eigenen Kindern durchzubringen. Und da er geizig und argwöhniſch war und das arme Ding nicht für unſchuldig, ſondern ſchier für die Anſtifterin des Streichs hielt, ſo kam er ihr in gar nichts zu Hülfe und ließ ſie ſelber ſehen, wie ſie wieder nach Hauſe kommen möchte. Seine Kinder und er ſelbſt mochten überdies der Armen das Leben auch ſonſt noch ſchwer gemacht haben, obgleich ſie nicht davon redete. Das Ende vom Liede aber war, daß ſie bat ihr Köfferlein mit der nächſten Gelegenheit nach Gernsbach zu ſchicken, ſelbſt aber dieſe Gelegenheit nicht abwartete, ſondern ſich mit ihren kleinen Füßen auf den harten Weg machte und marſchirte, bis ſie nicht mehr konnte. Zu einer Fußreiſe reichten die paar Groſchen, die ſie noch aus ihrer eigenen Sparbüchſe be⸗ ſaß, allenfalls, für Poſt und andere Gelegenheit nicht, und die Mutter hatte ihr außer dem Poſtgeld nach Bornfeld keinen Pfennig mitgegeben.
So ſtanden nun die Sachen und ſie ſaß bei uns in der Wohnſtube und erzählte uns davon. Unterwegs war es ihr wohl auch nicht gut er⸗ gangen; man war ihr unfreundlich begegnet und Anfechtung hatte ſie auch vielleicht gehabt— die Landſtraße war eben kein Fußweg für repu⸗ tirliche Frauenzimmer. Doch ſagte ſie auch davon nichts, ſondern wir merkten's nur ſo von ungefähr. Sonſt aber ſprach ſie je länger deſto
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