6 Memoiren eines alten Gaſtwirths.
lein um den Hals geknüpft, ſo daß ich mit ihrer ganzen Erſcheinung ſchon auftrumpfen durfte und der Alte, wie ich bei einem raſchen Blick bemerkte, ganz das Geſicht zog, mit dem er einen geehrten Gaſt zu be⸗ grüßen pflegte. Kurz, ſie ſah reputirlich aus, aber daß ihr miſerabel war, erkannte man auch, und dabei ging ſie die Stufen herab wie auf Eiern, ſo zaghaft ſetzte ſie die kleinen Füße.—„Da iſt die Mamſell, Herr Vater,“ ſagt' ich,„und nun ſagt ſelber—“
„Halt's Maul, Dummkopf,“ raunte er mir verdrießlich zu und fuhr ſich gegen die Femde wendend, laut und ganz höflich fort:„freut mich, die Mamſell kennen zu lernen, die uns die Ehre gegeben— wollt wohl nach Eurem Kaffee ſehen— wird den Augenblick fertig ſein. Line!“
Sie war inzwiſchen vollends heruntergekommen.„Ach nein, lieber Herr,“ ſprach ſie demüthig und ſah ihm doch dabei ſo recht zutrauensvoll in die Augen,„darum komme ich nicht, hab' auch gar keinen Kaffee be⸗ ſtellt. Als der Herr da mich vorhin hinauf brachte, war mir ganz ohn⸗ mächtig, denn ich komme heut ſchon von Bornfeld her und habe mir die Füße wund gegangen,— und ich hab' kaum von mir gewußt und mich nicht umgeſehen. Nun aber hab' ich's wohl gemerkt, in was für einer Stube ich bin. Da paß' ich nicht hin, lieber Herr, und könnte ſie auch nicht bezahlen. Und ſo wollt' ich Euch herzlich gebeten haben, mir ein Kämmerchen zu geben und etwas Koſt, daß ich mich erhole. Denn ich möchte morgen in der Frühe weiter gehen. Heut kann ich's nicht mehr.“ Es war fadengrade, daß ſie von unſerem Disput was gehört, wo nicht gar die Line vor ihr deſpectirliche Redensarten gemacht.
Mittlerweile war auch meine Mutter dazugekommen, die guckte das arme Ding muſternd von oben bis unten mit ihren ſchärfſten Augen an, fand ſie denn aber gleichfalls doch etwas anders als ſie ihr geſchildert worden, und empfand, wie ſie mir ſpäter nicht vorenthalten, auch ein ge⸗ wiſſes Erbarmen mit ihrer erſichtlich großen Müdigkeit und Angegriffen⸗ heit. Trotzdem meinte ſie jedoch in einigermaßen biſſigem Ton:„na, das iſt alles ſchon recht, aber wie iſt Sie denn auf die Landſtraße gekommen? Von Bornfeld herüber zu Fuß laufen— und wo will Sie denn hin?“
—„Das wird uns die Manſell ſchon erzählen, wenn ſie erſt ſitzt— ſiehſt ja, Mutter, ſie kann kaum ſtehen!“ ſagte mein Vater gutmüthig. „Alſo beſorge den Kaffee, ſir, und Ihr, Mamſellchen, kommt nur mit und ſetzt Euch ein wenig zu uns und erzählt uns von Euch. Das mit


