Jahrgang 
1 (1864)
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2 Memeiren eines alten Gaſtwirths.

wie ein Soldatenweib oder ſo was, und du logirſt ſie auf Nummer Eins, auf die Kirſchbaum-Stühle und das Kanapee und die Zitzgardinen und die rothgeſtreiften Betten, unverbeſſerlicher Eſel, der du biſt!'s iſt nicht an den Himmel zu malen! Und möchte bloß wiſſen, ob das die Art iſt, die du beim alten Degener im Römiſchen Kaiſer gelernt haſt. Donner⸗ wetter,'s war doch ſonſt ein reputirliches Haus und der Degener ver⸗ ſtand, was Manier und ſchicklich! Solche Landſtreicherin.Aber mein Herr und Gott, fiel ich nun zum drittenmal ein, ganz verblüfft und conſternirt,die Mutter hat ſie ja doch gar nicht geſehen, ebenſo⸗ wenig als Ihr, Herr Vater, und's iſt das alles ihr nur zugetragen worden und lange nicht ſo ſchlimm. Denn das Frauenzimmer

Was? ſagte er,die Mutter hat ſie gar nicht geſehen, meinſt du, Schlingel?Behüte Gott! verſetzt' ich,ſie war ja grade auf dem Hofe beim Wäſcheabnehmen und hatte auch die Mägde da, als der Müller angefahren kam und die Manſell hier abſetzte. Ich war ganz allein um den Weg. Sie ganz abweiſen, Herr Vater, das bracht' ich nicht über's Herz, und ſie in die Gaſtſtube führen konnt' ich auch nicht; das arme Kind bat nur um'n wenig Ruhe, ſie wolle bald wieder fort. Da hab' ich ſie denn auf Nummer Eins gebracht Ihr wißt doch, die Herren Meßreiſenden können noch heut Abend kommen und brauchen ihre Zim⸗ mer, und obendrein ſah ſie ganz reputirlich aus, ſauber, Herr Vater. Daß uns mit der nichts paſſirt, garantir' ich, ſo eine hätten wir bei De⸗ gener auch nicht abweiſen dürfen. Und da hab' ich denn die Line herein⸗ gerufen, daß ſie ihr friſch Waſſer und ein Handtuch und dergleichen bringe, und die neidiſche Kröte muß der Mutter was vorgelogen haben. Denn die hat das Frauenzimmer gar nicht geſehen, ſag' ich, ſondern fuhr gleich auf mich ein, bis Ihr kamt, und ließ mich nicht zu Wort kommen, juſt ſo.Na, kann's mir lebhaft vorſtellen, meinte der Alte ſichtbar beſänftigt;wenn deiner Mutter Mundwerk in Gang kommt oft ge⸗ ſchieht's nicht, aber wenn es in Gang kommt, geht's auch im Galopp. Kenne das! Darfſt dich aber nicht beklagen, Junge, denn ich muß es auch aushalten und thu's ſchon ein gut Theil länger als du. Alſo gar nicht geſehen, ſagſt du? Und reputirlich, ſagſt du?

Freilich, Herr Vater, ſprach ich voll Ueberzeugung.Ich will nicht grade ſagen, daß Müller ſie nicht am Ende beſſer in's Schiff ge⸗ bracht, weil ſie's da wohlfeiler gehabt hätte, denn reich ſcheint ſie nicht