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Phyſiognomien der Schweizer⸗Seen.
dunkeln, als ich in Brunnen anlangte. Ich wollte mein Tagewerk alſo für heute beſchließen, ſuchte auf Befehl meines Bädecker den ſchwarzen Adler auf, und ließ meinem Magen das nöthige Labſal zukommen; dann führte man mich auf mein Zimmer, wo ich es mir ſo bequem als mög⸗ lich machte. Da es mir zum Schlafen noch zu früh war, ſo öffnete ich mein Fenſter, um die ſchöne Sommernacht zu genießen. Warm und doch wieder ſo kühl und erfriſchend ſtrömte mir die Gebirgsluft entgegen, und dort— erhob ſich langſam die volle Scheibe des dunkelgelben Mondes. Plötzlich packte mich eine unbeſchreibliche Luſt den See im Mondenſchein zu beſuchen, und ehe fünf Minuten vergingen, war ich wieder reiſefertig in der Wirthsſtube, indem ich die Leute beſtürmte mir ein Boot zu ſchaf⸗ fen, das mich nach Flüelen bimüberſabre— längeren fruchtloſen Ge⸗ genvorſtellungen gab mir der freundliche Wirth ſeinen Buben mit, der mich zu einem Schiffer führen mußte, und bald glitt ich von neuem auf dem ruhigen, jetzt ſo dunkelen Spiegel des See's dahin.
Zunächſt ging es nach dem Rütli hinüber. Ein eigenthümliches Gefühl ergriff mich, als ich hier bei Nacht auf der Stelle ſtand, wo vor ſechstehalbhundert Jahren das Bündniß zur Befreiung der Schweiz ge⸗ ſchloſſen ward. Nichts regte ſich, die Berge umher lagen in unbeſtimm⸗ ten Umriſſen, und blickten mit demſelben Ernſt auf mich herab, wie ſie einſt auf die Männer geſchaut hatten, die ſich hier die Hände reichten zum Sturze der Knechtſchaft und zum Schutze für Geſetz und Recht. Hier hatte ſich ſeit damals nichts verändert, dieſer Welt waren die Jahre vergangen, wie dem Menſchen die Minuten, und ſie ſtand unbe⸗ rührt vor der verwandelnden Zeit.— Dergleichen Eindrücke laſſen ſich aber nicht ſchildern; es ſind das ſo unbeſtimmte und doch ſo tief gehende Gefühle, daß ſie um ſo mehr ihre Eigenthümlichkeit verlieren, je mehr man ſie zu veranſchaulichen ſucht. Nur die Muſik, die ſelbſt ganz ſub⸗ jectiv, ganz ahnungsvoll iſt, kann dergleichen wiedergeben.— Ich h blieb längere Zeit an dieſer Stätte, wo eine große Vergangenheit durch die helle Mondnacht wehte; dann ſchiffte ich mich wieder ein und fuhr weiter. Das Boot ſchwamm faſt unhörbar auf dem klaren Waſſerſpiegel, nur ein leiſes Rauſchen des Kieles, der die Flut durchſchnitt, und das Plätſchern der Ruder wurde von Zeit zu Zeit hörbar. Auf der dunklen


