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Phyſiognomien der Schweizer⸗Seen.
jetzt ähnlich, wie einſt in vorzeitigen Perioden den Gewäſſern derſelben: unzählige kleine, abgeſchloſſene Gebirgsſeen durchſägten allmälig die ſie umgebenden Felſenwände und floſſen zu größeren Seen am Fuße des Ge⸗
dure birges zuſammen. Jetzt ſägen nun die Menſchen ebenſo fleißig an den in trennenden Gebirgen, wie einſt das Waſſer, und bauen Chauſſeen und und Eiſenbahnen über oder durch dieſelben; die geſonderten kleinen Republiken hin müſſen dadurch immer mehr verſchwinden und ſich nach und nach zu einem we
Geſammtſtaate vereinigen. Bis jetzt iſt dieſer Geſammtſtaat erſt ſchein⸗ bar vorhanden, denn die einzelnen Cantone haben noch jeder ſeine Rechte, Sitten und Geſetze, und der Paragraph drei der Bundesverfaſſung heißt: „Die Cantone ſind ſouverain, ſoweit ihre Souverainität nicht durch die Bundesverfaſſung beſchränkt iſt.“
Allmälig kamen wir von der„guten alten Zeit“ auf eine noch viel ältere zu ſprechen, mein Wirth trug mir mit bewundernswerther Geläufig⸗ keit die ganze Geſchichte des Tell vor und erzählte mir den Hergang bei dem Apfelſchuß, ſowie bei der Flucht aus dem Schiffe in allen Einzel⸗ heiten ſo lebhaft, als ob es erſt geſtern geſchehen, und er ſelbſt dabei geſtanden hätte, indem er ſeine Rede bei jeder paſſenden Gelegenheit mit den Worten ſchloß:„Das woar a Mann!“ Ich hatte ſchon bei meinem Schiffer am geſtrigen Tage Gelegenheit gehabt zu bemerken, mit welcher Verehrung er an dieſer Geſchichte hing, und ſtellte abſichtlich jetzt die
Frage:„Ja, iſt denn das auch wirklich geſchehen?“—„Woas? Nit g'ſchehe?“—„Hat denn der Tell wirklich gelebt?“—„Der Tell nit
g'lebt? Herr, ſoagen's, leb'n Sie? Wenn Sie leb'n, noa do hot der Tell a g'lebt! Nit g'ſchehe! Können's denn nit ſehn? Woas ſy denn dös vor alte Thürm un Mure uf'm Rozberg un by Küßna? Nit g'ſchehe! Woas ſy denn dös vor Kirchli am Urner See, un by Küßna un'm Bürgle? He?“— Er ließ mich kaum mehr zu Wort kommen, bis ich als mein reuiges pater peccavi erklärte, nicht den geringſten Zweifel mehr am Tell zu hegen.
Endlich ſagte er mir Adieu, weil er noch in die Berge gehen wollte um nach ſeinem Knecht zu ſehen, der mit Grasmähen beſchäftigt ſei. Da mir der Mann trootz ſeiner Anſichten aus der„guten alten Zeit“ geſiel, ſo beſchloß ich ihn zu begleiten, um ſo lieber, als er mir einige hübſche Ausſichtspunkte unterwegs verſprach. Ueberhaupt ſah ich bereits ein, daß


