Jahrgang 
4 (1863)
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Von L. Hermann. 463

auf die Bank, rief mit einer Stentorſtimme, die von den geſündeſten Lungen zeugte, ſeine Kathi heraus, ließ ſich ebenfalls Brod, Käſe und Milch bringen, und bald waren wir im eifrigſten Geſpräch miteinander. Da er zu den Conſervativen gehörte, ſo erzählte er mir von denguten alten Zeiten, als Gerſau noch ſelbſtſtändige, unabhängige Republik war, von welchen ihm ſein Vater vieles mitgetheilt hatte; er könne ſich freilich nicht mehr darauf beſinnen, denn er ſei gerade in dem Jahre geboren, als die Franzoſen die alte Freiheit geſtürzt hätten. Jetzt wäre ſein Dorf freilich wieder zur Republik Schweiz, und zunächſt Schwyz, gehörig, aber ſo gut wie ehemals ſeien die Zuſtände doch nicht.

So werden dieſe alten und veralteten Anſichten ſtets auf den neuen Stamm gepfropft, und erben durch mündliche Ueberlieferung vom Vater auf den Sohn. Die Volksſchulen liegen in der Schweiz(2), und namentlich in dieſen Cantonen noch ſehr im Argen; die Kinder lernen meiſtens nur das, was ihnen von den Eltern gelehrt wird, und die alten Familien⸗ Traditionen und Sitten haben ſich daher in der Urſchweiz wunderbar friſch erhalten. Je mehr eine allgemeine Bildung in ein Volk dringt, deſto mehr wird der Einzelne zum untergeordneten Gliede des Allgemeinen, und Bücher, von einem für das Volk verſtändlichen Inhalt, ſind der gefähr⸗ lichſte Feind ſolcher patriarchaliſcher Ueberlieferung und des ſchläfrigen Conſervatismus. So lange die Bevölkerung noch nicht leſen kann, ſchaart ſich die Familie, Groß und Klein, um einen alten Großvater oder ſonſtiges Familienhaupt und hört die Geſchichten aus ſeinem Leben, und damit ſeine perſönlichen Anſichten über die Zuſtände der Außenwelt mit Geduld zum hundertſten Male. Hat aber die Gelehrſamkeit erſt ſoweit Propa⸗ ganda gemacht, daß man leſen kann, ſo zieht man es dagegen vor, neue Geſchichten aus irgend einem alten Kalender von einem jungen Schrift gelehrten vortragen zu hören; es wird ſomit einmal die ſtete Wieder⸗ holung des Alten verſäumt, und andererſeits dem Gedächtniß neuer Stoff zugeführt, was beides die natürliche Folge hat, daß das Alte ver⸗ geſſen, oder als unintereſſant bei Seite geſchoben wird.

Noch ſchneller wirkt in dieſer Hinſicht der Verkehr mit der Außen⸗ welt, da durch denſelben nicht nur neue Begebenheiten und Anſichten in das Volk hinein gebracht werden, ſondern dasſelbe aus ſeiner familiären Abgeſchloſſenheit herausreißen. Es geht den Bewohnern der Schweiz