Jahrgang 
4 (1863)
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Phyſiognomien der Schweizer⸗Seen.

Ich packte alſo mein Ränzel auf und wanderte jener Hütte zu, deren Gaſtfreundſchaft ich erproben wollte. Vor der Thüre fand ich ein Mäd⸗ chen, die in ihrem niedrigen Leibchen, ihrem loſe die Schultern bedeckenden Tuche, und dem Faltenrocke von grobem Wollenzeuge, der feſt und knapp ihre vollen Hüften umſchloß, nicht ſo übel ausſah.Grüß Gott! rief ich ihr entgegen.Kann ich etwas Brod und Käſe, und ein Glas Bier oder Milch haben?Iſch kei Werthshus do!Weiß wohl, war meine Antwort,ich will auch in kein Wirthshaus; hier vor dem Hauſe unter den grünen Bäumen und auf friſchem Raſen iſt's ſo ſchön, daß ich gerne hier ein Glas Milch getrunken hätte. Könnt's mir geben? Wie?

Indem ſie mich muſternd anſah, wie um zu erforſchen, ob es wirk⸗ lich nur die grünen Bäume wären, die mich hier anklopfen ließen, ſchien dieſe Muſterung zu ihrer Zufriedenheit auszufallen, aber ohne ein Wort ging ſie in's Haus; ich wußte wirklich nicht, war das mein Abſchied oder ſollte ich warten. Bald kam ſie indeß zurück, brachte mir ein gewaltiges Stück Brod und ein kaum kleineres Stück Käſe, nebſt einem großen Thonkrug voll Milch, auf dem rund herum à la bas-relief der Apfel⸗ ſchuß des Tell abgebildet war, ſtellte alles auf eine Bank, die unter den Bäumen ſtand, und mit einem:Schmeck's guet! ging ſie wieder hinein an ihre Arbeit. Freilich wäre es mir lieber geweſen, wenn ſie mir Geſellſchaft geleiſtet hätte, da man bei ſolchem Plaudern mit den Leuten von ihren Feldern, Heerden und Bergen bald mehr und beſſer über Weſen und Charakter des Landes und des Volkes unterrichtet iſt, als bei wochen⸗ langem Herumſtoßen in Gaſthöfen, die ſich doch überall gleichbleiben, vor⸗ ausgeſetzt, daß es ein honetter und civiliſirter Gaſthof iſt, denn die Her⸗ bergen und Tages⸗Wirthſchaften bieten allerdings reiches Material zum Studium eines Volkes.

Nachdem ich eine gute Weile allein geſeſſen und die Bilder der ver⸗ gangenen Tage nochmals an meinem Inneren vorübergezogen waren, be⸗ gann ich eben meinen Reiſeplan für die Zukunft zu entwerfen, als ſich ein Mann dem Hauſe näherte, der über dieſen Beſuch etwas erſtaunt ſchien. Bald erkannte ich den Eigenthümer in ihm, und obgleich er mich anfangs durchaus nicht ſehr freundlich bewillkommte, ſo ſetzte er ſich doch, als ich ihn über den Grund meiner Anweſenheit aufgeklärt hatte, zu mir