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Von L. Hermann. 461
weniger als die ganze Schweiz und noch etwas darüber umfaßt?— Solche Punkte wie den Rigt, kann man nicht durch das Wort kennen kernen, die muß man ſelbſt beſuchen, ſelbſt ſehen, um in der Seele den unauslöſchbaren Eindruck zeitlebens zu behalten.—
Wir fahren jetzt ſchnell dahin, an dem ſauberen Lüzzelau vorbei, gerade auf Fiznau zu, das den See zu ſchließen ſcheint. Plötzlich dreht ſich aber das Boot ſüdlich, und es öffnet ſich eine etwa zehn Minuten breite Durchfahrt; dieſes Thor wird von zwei, weit in den See hinein⸗ ragenden Felsvorſprüngen, den ſogenannten Naſen gebildet, und wir treten durch dasſelbe in eine neue Gegend ein. Die Ufer ſteigen ſteiler auf⸗ wärts, die Berge werden höher; zur Rechten liegt das reizende Becken⸗ ried, zur Linken Rotheſchuh und weiterhin das freundliche Gerſau mit ſeinen ſchattigen Baumpflanzungen und zerſtreuten Vorſtädten, die faſt wie Colonien ländlicher Villen erſcheinen würden, wenn nicht ihre Ein⸗ fachheit und mitunter patriarchaliſches Alter ſie als Bauernhäuſer kenn⸗ zeichnete.
Der Dampfer hat uns aber jetzt lange genug mit ſeinem Rauche und Maſchinengeraſſel den ungeſtörten Genuß der Landſchaft vereitelt; Gerſau liegt hier ſo einladend und gegen die heißen Sonnenſtrahlen mit ſeinen Kaſtanienhainen Schutz verſprechend vor uns, daß ich ihm gar zu gerne einen Beſuch abſtatten möchte. Mein Grundſatz iſt: nur ſo wenig und ſo ſelten als möglich allgemeine Transportmaſchinen benutzen! Dieſe brauſenden und pfeifenden Ungeheuer, mögen ſie auf dem Waſſer oder Lande leben— zu Lande freilich noch ſchrecklicher— können einem den ganzen Reiſegenuß verderben.— Ich ſtieg alſo in Gerſau aus, und be⸗ ſchloß Nachmittags zu Fuß längs dem Seeufer nach Brunnen zu wandern.
Die Sonne brannte ſo unangenehm auf die Häupter der armen Menſchenkinder nieder, daß ich herzlich froh war unter dem erquickenden Schatten einiger alten Kaſtanienbäume Schutz und Kühlung zu finden. Ich lagerte mich auf den grünen Raſen, und dachte mit Marquis Poſa: „Das Leben iſt doch ſchön!“ wobei ſich aber bald ein ſehr unerquicklicher Durſt in meiner Kehle einſtellte; Abhülfe mußte geſchafft werden, anderſeits war ich aber durchaus nicht geneigt mich bei dieſer Hitze in eine dumpfige Wirthshausſtube einzupferchen. Ich beſchloß daher einen kühnen Angriff auf das mir zunächſt liegende Bauernhaus zu machen, auf deſſen Terrain es mir ſchon jetzt ſo gut gefiel; ſchlimmſten Falls wurde ich abgewieſen.


