Jahrgang 
4 (1863)
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460 Phyſiognomien der Schweizer⸗Seen.

mir unmöglich die einſtigen grauenvollen Kerker oder einen Geßler, der ſie baute, vor meine Seele zu führen. Wir biegen nun aber um das Vorgebirge Tanzenburg, von dem uns die zerfallenden Ueberreſte der Burg Hertenſtein herabwinken, fahren an Unterweggis vorbei, und plötzlich öffnet ſich eine Bucht, in der das freundliche Weggis liegt. Unſere Boot⸗ fahrt iſt beendet und mit Bedauern ſtieg ich an's Land, um den brauſenden Dampfer zu erwarten, der mich weiter führen ſollte.

Jetzt legt er an, und der größte Theil ſeiner Paſſagiere verläßt ihn, um einem ganzen Heer anderer am Ufer wartender Platz zu machen. Dieſe Schaaren, die herüber und hinüber ziehen, ſind Rigiwanderer, die entweder bereit ſind ihre Wallfahrt hinauf anzutreten, oder die herab⸗ kommen um ihre Reiſe fortzuſetzen. Ausgedörrte Engländer mit großen Alpenſtöcken, die ſchon über hundert eingebrannte Zeugniſſe der einſtigen Anweſenheit des Beſitzers auf den beſuchteſten Punkten der Schweiz tragen, ebenſo dürre theeſüchtige alte, und blondgelockte üppige junge Ladies, wohlgenährte Banquiers und bebrillte deutſche Profeſſoren, vornehme Herren, deren alter Adel ſich in leutſeliger Herablaſſung gefällt, um weniger Trinkgelder zahlen zu dürfen, mit Gouvernanten, Töchtern und Koffern, und einfache biedere Schweizer mit einem kleinen Reiſetäſchchen, alles eilt an's Land, um zu Fuß, zu Pferde oder auch getragen den Gipfel des Rigi zu erreichen.

Und wir? Wir gehen gelaſſen an Bord des Dampfbootes um nach Brunnen zu fahren. In Wirklichkeit verſäumte ich damals die Beſtei⸗ gung des Rigi, weil ich mir vornahm ihn einſt von meinem Standquartier aus in aller Muße zu beſuchen, was denn auch ſogar mehrmals geſchehen iſt. Daß ich dieſe Wanderung aber hier nicht einſchalte, und nicht ver⸗ ſuche, dich, lieber Leſer, im Geiſte hinauf zu geleiten, hat ſeinen guten, Grund darin, daß ich eine genügende Schilderung eines von ſeinem Gipfel geſehenen Sonnen⸗Auf⸗ oder Unterganges durch die Feder für unmöglich halte; ſelbſt ein Maler wird nur kleine Momente wiedergeben können, die ſehr ſchwache Vorſtellungen des großen erhabenen Ganzen geben. Walter Scott beſchreibt die in ſeinen Romanen handelnden Perſonen ganz genau, von Kopf zu Fuß, und doch haben wir am Ende keine viel beſſere Vorſtellung von ihrem Aeußeren als vorher(2); wenn es aber einem Walter Scott nicht gelingt einen Menſchen zu beſchreiben, wie ſoll ich es da unternehmen wollen ein Landſchaftsgemälde zu ſchildern, das nicht