Jahrgang 
4 (1863)
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14 Die Freifrau.

als könne ſie zu dieſem Manne Vertrauen faſſen und ſich, wenn ſie ein⸗ mal in irgend einer Verlegenheit ſei, um Rath an ihn wenden. In dieſem Gedanken wandte ſie ſich, als er vorüber war, noch einmal nach ihm zurück, um ihm nachzuſchauen und begegnete dabei ſeinem Auge, denn auch er hatte ſich nochmals umgewandt. Er nickte ihr freundlich und wohlwollend zu, was ſie einigermaßen befremdete, und beide ſetzten dann ihren Weg fort. Dieſer endete auf einer Klippe, welche zugänglich gemacht, mit einigen Ruhebänken verſehen und mit einer Barrière ge⸗ ſchützt war, weil ſich hier ganz Stolzenbrunn mit ſeinem Kurplatz und der Promenade aus der Vogelſchau betrachten ließ. Es war in der That ein ſehr hübſches Bild, und Frau von Bornheim ſetzte ſich auf eine der gänke nieder, um ſich hier eine Stunde mit ihrer Arbeit zu beſchäftigen, welche ſie bei ſich hatte; es war ihr faſt unmöglich, müßig zu ſein. Eve⸗ line mußte an ihrer Seite bleiben, da es hier gefährlich ſchien, ſie um herklettern zu laſſen. Die Kleine, wie Kinder ſind, fing ihre Erlebniſſe von geſtern wieder an zu erzählen und fragte dann ganz ernſthaft: Warum hat der fremde Herr geweint, Mama?

Chriſtine erbebte bei dieſer unerwarteten Frage. Sie hätte dem Kinde nur zu klar eine Antwort geben können, vor welcher es trotz ſeines jugendlich beſchränkten Faſſungsvermögens erf ſchrocken wäre!Er hat vielleicht ſelbſt ein Kind verlaſſen oder verloren, Eveline, ſagte ſie ſtockend nach einer Weile.Du magſt ihn daran erinnert haben. Der arme Mann! verſetzte die Kleine.Er war ſo gut ich habe mich gar nicht mehr vor ihm gefürchtet. Vor dem Andern eher, der ſah

böſe aus und hatte eine ſchreckliche blaue Brille, ſo groß!! Sie zeigte mit ihren beiden Händen einen allerdings unmöglichen Umfang und ſetzte dann ihr Geplauder, welchem die Mutter ſcheinbar zuhörte, noch eine Weile fort. Der Mutter hatte ſich unterdeſſen, da ihre Gedanken wieder auf einen beſtimmten Gegenſtand gelenkt waren, eine Annahme aufge⸗ drängt, welche ihre Bef friedigung, Erichs Namen nicht in der Kurliſte gefunden zu haben, bedeutend herabſtimmte. Wenn er nicht von Stolzen⸗ brunn auf einem Ausfluge zum Kloſter gekommen, ſondern dasſelbe auf der Reiſe nach Stolzenbrunn berührt hatte, ſo mußte er, wie ſie, erſt pät Abends oder in der Nacht im Bade angelangt ſein und ſein Name onnte noch nicht der Kurliſte ſtehen. Sie ſuchte ſich damit zu be⸗

i ruhigen, daß ſie ihn jedenfalls ſchon im Freien geſehen hätte oder von