Jahrgang 
4 (1863)
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Von Bernd von Guſeck. 13

Titel Baron gering ſchätzen und ſich lieber wieder Freiherren nennen, jedenfalls ein deutſcher Fortſchritt! Die Dame war überdies eine ge⸗ borene Gräfin, wie ſie auch nicht vergeſſen hatte, hinzuzufügen.

Ob ſie nun gemüthlich ſein und ſich anſchließen werde, mußte man erwarten. Man bildete hier gewiſſermaßen nur eine Familie, ohne darum ſtets in der innigſten Harmonie zu leben, was ja in Familien auch nicht immer der Fall iſt. Aber man verkehrte wenigſtens familienartig mit einander, kannte ſich genau und grüßte ſich vertraulich, des Tages wohl zwanzigmal, bei jeder Begegnung. Um ſo mehr fiel es auf, als die Frei⸗ frau mit ihrer kleinen Tochter ſprechend, an mehreren Tiſchen, wenn auch in einiger Entfernung vorüberging, ohne zu grüßen, wo doch mehrere Damen ſich ſchon grußfertig halb gelüftet hatten. Sie war ganz harm⸗ los, als ſei ſie mit dem kleinen Blondkopfe die einzigen Weſen auf der ganzen Promenade oder die übrige Welt für ſie gar nicht vorhanden, ihres Weges gegangen, und man ſah ſie bald die kleine Brücke aus Bir⸗ kenſtämmen, welche über den Wildbach und deſſen Inſel führte, über⸗ ſchreiten und in den jenſeitigen Buchen verſchwinden. Bemerkungen wur⸗ den dann über ſie laut, welche ſie gekränkt haben würden, wenn ſie dieſelben gehört hätte, denn ſie war ſich bewußt, ſolche Liebloſigkeit nicht zu verdienen. Ihre ganze Schuld, deren Folgen ſie freilich tragen mußte, beſtand darin, daß ſie zum erſtenmale in einem Lokalbade war und deſſen Comment nicht kannte. Großſtädtern, wenn ſte ihr erſtes Debüt in Provincialſtädten machen, geht es in der Regel ebenſo, ſie ſtoßen überall an auch beim beſten Willen, das zu vermeiden.

Von der Höhe des Thalrandes, welche Frau von Bornheim mit ihrer Eveline hinaufſtieg, ſah ſie plötzlich einen Mann herniederkommen, und ſie ſtockte in ihrer traulichen Rede zu der Kleinen. Aber das Blut, das ihr zum Herzen geſtürmt war, nahm bald wieder ſeinen ruhigen Lauf und ſie ſchämte ſich; mußte denn jeder Mann, den ſie hier erblickte, durchaus Erich ſein? Der Fremde, den ſie kommen ſah, war ein alter Herr, mit weißem Haar, nicht eben hoch und noch weniger ſchlank gewachſen, wie ihr Erichs Bild im Gedächtniſſe lebte. Näher gekommen, betrachtete er die Dame und ihr Kind mit überaus aufmerkſamen und wie es ſchien theilnehmenden Blicken, er zog den Hut von ſeinem kurzgeſchnittenen weißen Haar und ſie erwiderte den Gruß freundlich; ihr war es, ſie wußte in ihrer von jener Befürchtung noch bewegten Seele ſelbſt nicht warum,