Jahrgang 
4 (1863)
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12 Die Freiſrau.

auf ihrer Wange die Röthe der Scham und ſie hatte darum in Gedanken die Frage ſo bitter geſtellt konnte ſie Erich wirklich ihren Todfeind nennen? Sie ſtand auf, es wurde auch ihr, wie der kleinen Eveline drückend im Zimmer, ſie ſehnte ſich in die friſche Luft. Am Brunnen muſtzirte ſchon lange die fürſtliche Kapelle, welche hier während der Opern⸗ ferien der Reſidenz eingeſetzt war. Frau von Bornheim ging denn auch auf die Promenade, wo ihre Erſcheinung bald die Aufmerkſamkeit der übrigen Gäſte erregte, welche hier wohl alle verſammelt waren. Chriſtine überzeugte ſich nun ſelbſt, daß ein Ausweichen in Stolzenbrunn nicht möglich ſei. Das Kurhaus bildete den Mittelpunkt des Anbaus um die entdeckte und ſchön gefaßte Quelle; eine Allee von Linden, die noch immer im Geſchmacke des vorigen Jahrhunderts beſchnitten wurde, zog ſich als Promenade eine kurze Strecke zu Berg und zu Thal, die Logirhäuſer hatten am Fuß der Abhänge auf maleriſchen Punkten ihre Stätte ge⸗ funden. Hinter ihnen ragten die Thalränder in wechſelnder Form ziem⸗ lich ſteil empor, ii Tartwege ſchlängelten ſich wohl in die lhe Waldung hinein, welche ſie bedeckte, aber ſie ſtanden unter ſich auch v

fach in Verbindung und le erden nicht weit. Die Geſellſchaft war alſo immer in gewiſſem Sinne vereinigt und lernte ſich bald gründlich kennen, was für Menſchen, welche erſt dann Ruhe haben, eine große Befrie⸗ digung war.

Frau von Bornheim, die ſich hier fremd unter Fremden befand, wurde gleich bei ihrem Austritt aus dem Hauſe beachtet, weil ihr das bildſchöne Kind, welches bereits unter dem weiblichen Theile der Geſell⸗ ſchaft zu eigenem Bedauern faſt neun Zehntel derſelben! allge⸗ meine Bewunderung gefunden hatte, mit lauter Freude entgegenſprang. Das iſt ſie alſo! hörte man hier und dort mit halblauten Stimmen ſagen. Man war offenbar auf ihre Erſcheinung vorbereitet. Wie konnte es anders ſein, da ſie ſelbſt an die Badedirektion geſchrieben und Woh⸗ nung beſtellt hatte. Eine vornehme, wenigſtens eine ſtolze Frau mußte die Dame ſein, weil ſie ſich in dieſem BriefeFreifrau genannt. Der Badedirektor hatte das nach ſeiner Vielwiſſerei dahin erklärt, daß in der neueſten Zeit, wo ſo viele Commercielle und Induſtrielle, meiſt jüdiſcher Herkunft oder doch Judengeſinnungsgenoſſen, gleich vom Bürgerſtand ſprungweiſe über den bloßen Ritteradel und ſeine Nuancen hinweg baro⸗ niſirt werden, die alten ächten Reichsritter den bisher gern geführten