Von Bernd von Guſeck. 11
ſtreng gehalten wurde, weniger aus Beſorgniß vor gefährlichen Individuen, als weil der Fürſt die Kurliſte ſtets einer genauen Controlle unterwarf, um die Frequenz ſeines Bades zu ermitteln. Von Jahr zu Jahr hoffte er ſte wachſen zu ſehen, und wenn in einer Woche einmal drei oder vier „Parteien“ mehr verzeichnet waren, als in der entſprechenden Woche der vorigen Saiſon, ſo wurde er der beſten Laune. Unter der Hand wurde erzählt, daß er zuweilen noch ſpät Abends im Halbdunkel unerkannt, wie Harun al Raſchid, der Kalif zu Bagdad, in der Allee des Bades von Haus zu Haus wandelte, um an den Lichtern zu erforſchen, ob während ſeiner Abweſenheit die Zahl der beſetzten Zimmer ſich vermehrt habe. Er verlebte während jeder Saiſon ein paar Wochen in Stolzenbrunn und ließ es ſich dann angelegen ſein, den Gäſten ihren Aufenthalt durch zwangloſe Arrangements von Luſtbarkeiten aller Art ſo angenehm als möglich zu machen; dann entging ihm kein ankommender Wagen, aber er machte doch auch in dieſer Zeit zuweilen Ausflüge und ſollte nach der Rückkehr davon, wie ſpottſüchtige Großſtaatler behaupteten, Abends nicht eher die Ruhe finden können, als bis er erfahren hatte, was etwa unter⸗ deſſen geſchehen ſei. Auch in dieſem Jahre ſtand ſein Name wieder oben an in der Kurliſte, welche der Kellner der letztgekommenen Dame, auf ihren mit ſcheinbarem Gleichmuth ausgeſprochenen Wunſch, vorlegte. Da er noch ſtand und wahrſcheinlich auf die Eintragung ihres Namens in das Fremdenbuch, das noch offen vor ihr lag, wartete, ſo ſchrieb ſie raſch ihren vollen Namen hinein:„Chriſtine, verwittwete Freifrau von Born⸗ heim, geborene Gräfin Sereni“, fügte alles hinzu, was die Wißbegier der Behörden beruhigen konnte, und fragte den Kellner, welcher das Buch mit tiefer Verbeugung zurücknahm, noch flüchtig, ob die Kurliſte auch vollſtändig ſei.„Geſtern abgeſchloſſen— die Nummer iſt heut früh er— ſchienen,“ verſicherte er.
So mußte ſie Erichs Namen finden, wenn er hier war. Mit klopfendem Herzen nahm ſie das letzte Blatt der Kurliſte zur Hand, ſobald der Kellner ſie verlaſſen hatte: ſie überflog die Namen, ſie nahm in auf⸗ ſteigender Ordnung Blatt für Blatt und fand ihn nicht. Seltſam! In ihrem Herzen regte ſich mit der Beruhigung, welche ſie darüber empfand, doch zugleich ein Gefühl wie Enttäuſchung— ihre Wange erglühte vor der Frage, die ſie an ſich ſelbſt richtete, ob es ihr etwa leid thue, den Todfeind ihres Lebens nicht wiederſehen zu ſollen. Gewiß war die Glut


