Jahrgang 
4 (1863)
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10 Die Freifrau.

ſie nicht am hellen Tage in das Thal eingefahren war, wo ſie der allge⸗ meinen Beobachtung nicht hätte entgehen können, denn ſie wußte wohl, daß ſelbſt in größeren Bädern neuankommende Gäſte immer ein Gegen⸗ ſtand der Neugier ſind, wie viel mehr in dieſer faſt geſchloſſenen Geſell⸗ ſchaft. Die Begegnung, welche ſie fürchtete, ließ ſich wahrſcheinlich nicht vermeiden, und ſie war auch überzeugt, daß Erich, nachdem er Evelinen geſehen und nach ſeinem Benehmen unläugbar erkannt hatte, ſie aufſuchen werde. Wenn er dem Kinde nicht begegnet wäre, ſo hätte ſich vielleicht

hoffen laſſen, daß er Stolzenbrunn nur auf einer andern Reiſe berührt

habe und vielleicht ſchon weit entfernt ſei, ohne zu ahnen, wen er hier getroffen haben würde. Nun aber, ſelbſt wenn er die Abſicht gehabt, ſeinen raſtloſen Fuß ohne längeren Aufenthalt weiter zu ſetzen, würde er, nach der Begegnung im Kloſterwalde, jene Abſicht ſogleich aufgegeben haben, und wo ſollte er auf das Wiederſehen, das er ſeit Jahren ver⸗ geblich erſehnt hatte, warten, als in Stolzenbrunn, auf neutralem Boden, der ihn vor dem Bruch eines feierlichen Gelöbniſſes ſchützte. Er hatte ihr geſchworen, den Fuß nicht wieder auf die Stätte zu ſetzen, welche durch ihn aus einem Paradieſe in eine traurige Oede verwandelt war; hier durfte er ihr nahen, ſie allein trug die Verantwortung. Warum hatte ſie ihr ſtilles Haus verlaſſen, wo ſie nichts zu fürchten hatte? Von dieſen Gedanken unabläſſig beunruhigt, hatte ſie die wenigen Stunden der Nacht ihrer Ankunft keinen erquickenden Schlummer gefunden und der

Morgen, als di

Sonne über dem engen Thale aufging, fand ſie matt und abgeſpannt. Sie faßte ſich jedoch, und hatte ja auch, wie die Aeb⸗ tiſſin mit Recht angedeutet hatte, keine Urſache in ihrem eigenen Gewiſſen, dem Zuſammentreffen mit Erich auszuweichen. Eveline kam, friſch wie der junge Tag, welcher draußen auf den Bergen ſchimmerte, ſchon ſauber angekleidet aus der Kammer, welchenſie mit der Dienerin bezogen hatte; von jeher war das ſo geweſen, ſie war daran gewöhnt, nicht bei der Mutter zu ſchlafen. Hinaus lockte es ſie; auf der Promenade, welche man von den Fenſtern aus überſchauen konnte, ſpielten Kinder und kleine Hunde; wie hätte Eveline, auf dem Lande erzogen und, wenn es irgend geſtattet war, immer im Freien ſich tummelnd, hier im Zimmer aushalten können? Kaum, daß ſie das Frühſtück erwartete.

Mit dieſem brachte der Kellner des Hauſes auch, wie es Brauch iſt,

das Fremdenhuch, behufs der Meldung bei der Polizei, auf welche hier