Jahrgang 
4 (1863)
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Von Bernd von Guſeck. 9

geben hatte, in das Gebirge gereist; deßhalb hatte ſte in Marienkreuz ihre Verwandte, der ſie ſich brieflich angekündigt, zu einer Rückſprache beſucht, von deren Zweck die Aebtiſſin erſt mündlich unterrichtet worden war. Noch aber hatte ſich nichts, was ihren Entſchluß zur Ausführung bringen ſollte, erfüllt, denn die Domina hatte ſich ihrerſeits erſt reifliche Ueberlegung vorbehalten, ehe ſie Pflichten übernahm, welche ſie für ſehr ſchwer hielt und ſo war denn die Reiſende mit ihrem Kinde in Stolzen⸗ brunn angekommen, um die Entſcheidung ihrer Verwandten zu erwarten. Ruhig hätte ſie das vielleicht noch vor Kurzem gekonnt; ihre ganze Ruhe war ihr aber in der letzten Stunde ihres Aufenthalts im Kloſter, als die kleine Eveline der Aebtiſſin vorgeſtellt werden ſollte, durch die verworrene Erzählung des Kindes geraubt worden, welche die Dienerin nur wenig zu ergänzen vermochte. Der fremde Mann, den Eveline im Walde geſehen, der ſie geküßt und dabei geweint hatte, wer konnte es anders ſein, als der Unſelige, deſſen Bild ſie oft in Träumen geſchreckt, dem noch einmal zu begegnen ihr ſtets als die entſetzlichſte Prüfung vor⸗ geſchwebt hatte? Ihr Gebet, daß es niemals geſchehen möge, war alſo nicht erhört worden! Wie kam er hieher? Die Aebtiſſin, welcher ſie nun ihr ganzes Herz ausgeſchüttet hatte, wußte nichts von ihm, kannte ihn nicht und hatte ihn nie geſehen. Der Gedanke lag nahe, daß er in Stolzenbrunn anweſend und von dort zufällig herüber gekommen ſei. Wenn das der Fall war, ſo mußte die Frau, welche ſich vor einem Zu⸗ ſammentreffen fürchtete, ihm dort begegnen. In einem ſo kleinen Bade, eng wie das Thal iſt, läßt ſich kein Vermeiden, kein Ausweichen denken. Warum willſt du das auch, Chriſtine? hatte die Aebtiſſin ernſt und ruhig gefragt, ohne daß ſie eine recht genügende Antwort erhalten hätte. Wie konnte die Greiſin, welche im frommen Kloſterleben ihre Seele, was auch ſie vielleicht in jüngeren Jahren bewegt und betrübt haben mochte, über die Nichtigkeit alles Irdiſchen erhoben hatte, wie konnte ſie ein Herz begreifen, das noch nicht zu vergeſſen gelernt, wenn es auch Gott war Zeuge! längſt alles vergeben hatte, was ihm Leides geſchehen war? Chriſtine hatte ſich denn von der Verwandten mit der Bitte getrennt, ſie jetzt, wo ihr eine Entſcheidung noch dringender am Herzen liege, nicht allzulange auf dieſelbe warten zu laſſen und war ſpät in der Nacht in Stolzenbrunn angekommen. Sie fand ihre Wohnung, welche ſie ſchon längere Zeit vorher beſtellt hatte, bereit, und es war ihr nun lieb, daß

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