8 Die Freifrau.
ein ſolides Kur⸗ und Logirhaus den erſten Impuls gegeben, ſo bedeutend geworden, wie dies vorleuchtende Beiſpiel bei dem bekannten Patriotismus der Landeskinder erwarten ließ. Einige Häuſer waren zwar gebaut wor⸗ den, als aber der Beſuch ſich nicht über ein ſehr beſcheidenes Maß er⸗ heben wollte, und nur zeitweiſe oder Sonntags größere Schaaren von
Fluggäſten einfielen, ſonſt aber die wenigen Wohnungen oft nicht einmal ſämmtlich beſetzt wurden, ließ die Bauluſt nach. Wenn alſo Stolzen⸗ brunn ſich beſcheiden mußte, nur in ſehr ausführlichen Handbüchern der Badelitteratur unter den Heilquellen Deutſchlands aufgeführt zu werden, ſo beſaß es doch andere Naturkräfte, welche von rationellen Aerzten weit über die Mineralwaſſer geſchätzt ſind: friſche Bergluft, ſtärkenden Wald⸗ duft und reine kryſtallklare Felſenquellen. Darauf konnte es ſtolz ſein, dieſe köſtlichen Güter konnte ihm niemand abſtreiten. Seit zwei oder drei Jahren hatten ſich denn auch Familien hier eingefunden, welche nichts anderes hier ſuchten und grade deßhalb nach Stolzenbrunn kamen, weil ſte nichts anderes hier fanden: keinen Luxus täglich dreimal zu wechſelnder Toilette, keine durch einander wogende, ſich in Anmaßung und Ziererei, Rückſichtsloſigkeit und Unwahrheit überbietende Geſellſchaft, keine Wett⸗ rennen, keine Spielbank und keine Demi-monde.
Zu dieſen Familien geſellte ſich auch die Frau, welche geſtern in Marienkreuz mit ihrem Kinde geweſen war; ſie ſuchte in Stolzenbrunn nicht Heilung, die ſie an keiner Quelle und durch keine Arznei finden konnte, auch nicht den bloßen Sommeraufenthalt, die„Bergfriſch“, wie man in ihrer Alpenheimat ſagte; ihr eigentliches Ziel war das Kloſter geweſen und ſie wäre am liebſten dort geblieben, wenn es ihr geſtattet worden wäre. Die Aebtiſſin war ihre Verwandte, welche ſie bei einem früheren Beſuche mit ihrer Mutter vor vielen Jahren ſo freundlich auf⸗ genommen hatte, daß ſie Marienkreuz immer, ſelbſt in der Zeit ihres ungetrübten Glückes, als das Aſil angeſehen, in welchem ſie, wenn ihr einſt Troſt und Hülfe nöthig wäre, dieſen köſtlichen Balſam finden könnte. Längſt ſchon war ſie vom Glück verlaſſen, ihr Leben ſchwarz umflort und ſie hoffte nichts mehr von der Zukunft, aber erſt in den letzten Wochen war es ihr fühlbar geworden, daß es an der Zeit ſei, ihre Zuflucht zu aufgeſpart hatte. eßhalb war ſie, nachdem ihr Arzt achſelzuckend und kopfſchüttelnd endlich h ihren Wunſche, Stolzenbrunn zu brauchen, nachge⸗
dem letzten Hort zu nehmen, velchen ſie ſich bisher für die äußerſte Noth
——


