Jahrgang 
4 (1863)
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Von Bernd von Guſeck. 7

Waldeinſamkeit wurde ein kleines Mädchen von fünf oder ſechs Jahren ſichtbar, welches bei der Erſcheinung der beiden Männer einen leichten Schrei ausſtieß und ſich erſchrocken an die nachfolgende Dienerin an⸗ ſchmiegte. Wie bezaubert hing der Blick des bleichen, ſchlanken Mannes, welcher voran ging, an der wunderbaren Erſcheinung, er ſtand ſtill und ſtarrte auf die zarten Züge dieſes Kinderantlitzes, auf die goldenen, frei flutenden Locken und die tiefblauen Augen, welche ängſtlich zu ihm auf⸗ ſchauten. Eine wachſende Glut überwallte ſein Geſicht, auf welchem hef⸗ tige Bewegung und zitternde Erwartung zu leſen ſtand, er neigte ſich ſchnell zu der kleinen und fragte, wie ſie heiße? Noch mehr verſchüchtert durch ſein haſtiges Weſen, wandte das Kind ſich ab und klammerte ſich an die Dienerin, welche ſie lächelnd zur Antwort aufmunterte; als aber die Kleine noch immer keine Worte fand, da nannte ihm jene einen Na⸗ men, den er wohl geahnt hatte, deſſen Gewißheit ihm aber doch nun wie ein elektriſcher Strahl durch Mark und Seele ſchlug. Bebend hob er das widerſtrebende Kind, das zu weinen anfing, an ſeine Bruſt empor und küßte es heiß und inbrünſtig, während unaufhaltſame Thränen aus ſeinen Augen rollten, Thränen, wie ſie dieſen Augen wohl bis jetzt fremd ge⸗ weſen waren. Staunend und erſchrocken wehrte die Dienerin ſeinem Be⸗ ginnen, da ſetzte er das Kind ſanft nieder und ohne auf die Fragen, welche jene an ihn richtete, zu antworten, ergriff er die Hand ſeines Freundes und zog ihn mit ſich in das Gebüſch. Erſt nachdem ſich die Zweige hinter ihnen geſchloſſen und ſie raſch eine Strecke bergan zurück gelegt hatten, fand Erich das Wort der Erklärung, deſſen es aber bei ſeinem Freunde nicht mehr bedurfte.

2.

Stolzenbrunn, das kleine Bad im Gebirge, verdiente den Namen wenig, der ihm bei der Entdeckung der Mineralquelle beigelegt worden war, denn die ſtolzen Erwartungen, welche der Fürſt des kleinen Landes an den auf ſeinem Gebiet gefundenen Heilbrunnen geknüpft, hatten ſich nicht erfüllt. Weder die Quelle hatte ſich, trotz der gelehrten Analyſe des fürſtlichen Leibarztes, die ihr anfangs, als ihr Ruf noch jung war, manchen Beſucher zugeführt, in ihren Wirkungen ſo kräftig erwieſen, als man hoffen durfte, noch war die Anſiedelung, zu welcher der Fürſt durch