Jahrgang 
4 (1863)
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Von Bernd von Guſeck. 15

ihm aufgeſucht worden wäre, wie ſie von ihm unabwendbar zu erwarten hatte aber wie ſehr konnte der Zufall ihn davon für die erſten Mor⸗ genſtunden abgehalten haben! Ihr blieb nichts übrig, als in Geduld auszuharren, wie ſich alles entwickeln werde, wenn ſie nicht gegen den Rath ihrer mütterlichen Freundin in Marienkreuz vor Erich weichen, ihm das Feld hier überlaſſen und wieder eine weite Strecke zwiſchen ſich und ihn legen wollte in dem unnahbaren Burgfrieden ihres eigenen Hauſes. Dann aber hätte ſich auch alles wieder zerſchlagen, was ſie mit der Aeb⸗ tiſſin in Erwägung gezogen hatte! Das konnte ſie nicht herbeiführen, ſie mußte die Entſcheidung, welche ſo nah war, abwarten. So rüſtete ſie ſich denn im Geiſte auf den Augenblick, wo ſie Erich zum erſtenmale nach einer verhängnißvollen Stunde wiederſehen ſollte, und es gelang ihr, dieſem Momente muthig entgegen zu ſchauen, ja ſie ſehnte ſich jetzt darnach, um ihn nur raſch überſtanden zu haben. Ein Körnchen Wahrheit ſchien wirk⸗ lich in dem Worte zu liegen, das der Mann mit der blauen Brille über Baſiliskenzauber geäußert hatte.

Frau von Bornheim konnte nicht ſo lange auf dem Bellvedere blei⸗ ben, als ſie ſich anfänglich vorgenommen hatte. Es litt ſie nicht länger oben, ihr war, als rufe ſie eine nur zu wohlbekannte Stimme. Eveline, welche ſich ſchon gelangweilt und ein paar vergebliche Verſuche gemacht hatte, ſich in den Klippen auf eigene Gefahr Unterhaltung zu ſuchen, klatſchte in die Hände, als die Mutter plötzlich raſch aufſtand und ihre Arbeit zuſammenpackte. Bergab, wo der Pfad ſich mit einem andern ver⸗ ſchlang, nahmen ſie eine veränderte Richtung und traten im Thale grade vor einer in den Schatten gelagerten Gruppe von Herren und Damen aus dem Walde heraus. Etwas betroffen, denn die Geſellſchaft hatte ſich vorher nicht bemerklich gemacht, grüßte ſie und ging, mit ihrem Kinde an der Hand ſchnell vorüber.

Sehen Sie, meine Herrſchaften, wenn man Vögel fangen will, muß man mäuschenſtill ſein! ſagte ein junger Mann, welcher einen Stroh⸗ hut kokett auf einem Ohre trug und hier den Ton anzugeben ſchien.Wenn Sie meinen Rath nicht befolgt hätten, ſo würde uns dieſer herablaſſende Gruß und der nahe Anblick der Freifrau entgangen ſein, denn ſie würde einen Haken geſchlagen haben, wie das flinkſte Kaninchen.Sie iſt doch eine intereſſante Erſcheinung, bemerkte ein anderer, ſchlicht gekleideter Mann.Nicht wahr, meine Damen?Diſtinguirt, das iſt nicht zu