4 Die Freifrau.
demüthig ſich nahenden Manne— es war der Meier des Kloſters— dann öffnete er den Schlag und ſagte hinein:„Die gnädige Frau werden erwartet.“ Eine Dame ſtieg aus, welcher das kleine Mädchen und eine Dienerin folgten. Die Dame ſchien über die Zeit der Frauenblüthe hinaus, doch trug ihr Antlitz die unverkennbaren Spuren ehemaliger großer Schönheit; es wäre ſchwer zu beſtimmen geweſen, ob die Zeit ihr Recht an dieſen feinen Zügen geübt hatte, oder ob ſie durch einen tiefen Gram verheert worden, denn die dunkeln Augen der Frau blickten ernſt unter der hohen Stirn hervor, um die Lippen waren Linien gegraben, welche ein Seelenkenner nur zu gut ſich deuten konnte, und was die Dame ſprach, klang weich und traurig. Vielleicht mochte ſie auch der Moment ſo geſtimmt haben, es war ein ſchwerer Entſchluß, der ſie hieher geführt hatte.„Bleibe mit dem Kinde in der Nähe, Auguſte,“ ſagte ſie zu der Dienerin.„Setze dich dort in's Gebüſch mit der Kleinen, dort drüben. Ihr könnt Blumen und Erdbeeren pflücken, geht aber nicht weit. Ich werde dich rufen laſſen, wenn du mir Evelinen bringen ſollſt.“
Sie küßte ihr Kind, das ſie fragte, warum ſie weine, und ob ſie auch nicht lange bleiben werde? Die Thränen läugnete ſie, welche ihr doch in den Wimpern perlten, ſie verhieß der Kleinen, daß ſie bald nach⸗ kommen ſolle, nickte der Dienerin und verſchwand dann in der Kloſter⸗ pforte, welche vor ihr aufgethan wurde. Das Kind folgte dem Mädchen, das mit ihm, der Anweiſung ihrer Herrin gehorchend, das Gebüſch be⸗ trat, das ſich vom Waldrande bis an die Mauern des Kloſters zog. Für den Diener und den Kutſcher brachte der Kloſtermeier nach der ihm er⸗ theilten Anweiſung Milch und Brod herbei— welche Erquickung der Kutſcher nicht mannbar fand, obgleich er ſie nicht verſchmähte. Seinen Pferden warf er Heu vor.„Wenn Damen in'’s Reden kommen,“ ſagte er,„dauert's immer ein Weilchen. Und wir haben noch gewiß drei Stunden zu fahren. Wenn wir dort über den Berg grad' in die Richt, kutſchiren könnten, wär's näher um die Hälfte, aber da bricht ja einer zu Fuß Hals und Beine, wie ich mir habe ſagen laſſen. Fuchslöcher ſollen dort von den Geiſtlichen gegraben ſein, damit ihnen keiner aus Stolzenbrunn einmal in den Taubenſchlag hier ſteigt.“ Er lachte ſelbſt
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über ſeinen unhei O
iligen Witz. Der Diener verzog keine Miene.
Wie gefährlich aber auch die letzte Schlucht ſein mochte, welche von jener Seite her nach einer langen, unerquicklichen Wanderung ohne alle
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