16 Tante Henriettens Hochzeit.
glaubte nun ſelber, daß ſie prädeſtinirt ſei, Frau Galeria nigra zu wer⸗ den, und ſie beſchloß ſich gottergeben in ihr Schickſal zu fügen.
„Und wie hat dir denn der Herr Paſtor Gall gefallen, lieber Sturm?“ fragte mein Vater am Abend nach der Rückkehr den Kaſſirer, als beide ſich allein bei meiner Mutter, in deren grünem Kabinet befanden.— „Wie ich ſchon ſagte, Johann Albrecht,“ erwiderte der Gefragte,„die Pfarre iſt extra. Der Vorgänger hat allein dreißig Milchkühe gehalten, und Weizen habe ich in Döbberitz geſehen, wie im Lande Wurſten. Meiner Meinung nach müſſen ſie jahrein jahraus wenigſtens zweihundert Himpten davon verkaufen können. Und ein Obſtgarten! Hundert und fünfzig tragbare Stämme habe ich gezählt, und die edelſten Sorten: reinettes d'ors, cavilles blanches, rothe pigeons, Hechtapfel, Gravenſteiner, madame de Pompadour und Goldpeppings. Ich ſage dir, es iſt eine wahre Pracht!“ —„Aber er ſelber, wie iſt er ſelber denn?“ fragte meine Mutter.— „Nun,“ erwiderte der Kaſſirer,„was ſein Aeußeres anbelangt, meine verehrteſte Frau Gevatterin, ſo iſt das allerdings nicht darnach angethan, daß es Sie verleiten könnte, ſeine Bildſäule oder Büſte ſich als Zierrath hier für den Ofen zu wünſchen. Aber das Ausſehen iſt bei uns Män⸗ nern ja auch eine Nebenſache. Wie Ihr Herr Schwager ſagt, iſt der Herr Paſtor Gall übrigens nicht bloß ein braver, ſondern auch ein grund⸗ gelehrter Mann und ein tüchtiger Kanzelredner. Dies Letztere muß auch ſeinen ſicheren Grund haben, denn, zum Henker, wie hätte er ſonſtens wohl dieſe famoſe Pfarre gekriegt? Ein Haus, ſage ich Ihnen, Frau Gevatterin, noch größer und ſtattlicher als das Amtshaus in Wieſen; ein wahres, kleines Palais!“—„Mit wem von unſern hieſigen Bekannten hat er denn wohl ſo einige Aehnlichkeit?“ fragte meine Mutter.„Aehn⸗ lichkeit?“ entgegnete der Kaſſirer, und wahrheitsliebend, wie er war, ſagte er nach einigem Nachſinnen,„Aehnlichkeit hat er mit gar keinem Men⸗ ſchen.“—„Ach Gott! Daſſelbe ſagt ja auch Henriette,“ erwiderte meine Mutter.
Es war eben die Zeit der Hundstagsferien und meine Brüder, die beiden Studenten, hatten dieſe zu einem Beſuch bei den Eltern benutzt. Mit ihnen hatte die Fußreiſe nach Lüneburg der junge Herr von G. ge⸗ macht, welcher ſeit Oſtern deſſelben Jahres ſich gleichfalls der Studien halber in Göttingen aufhielt. Er hatte ſich dort mit meinen Brüdern, vorzüglich mit dem jüngeren, George, enge befreundet. Die jungen Herren


