Jahrgang 
3 (1863)
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Von Stuhlmann. 15

wohl der Dichter die Vorbilder zu ſeinem Werke anderswo gefunden haben, als in ſeiner mecklenburgiſchen Heimat? Der Präpoſitus hatte freilich keine große Aehnlichkeit mit dem würdigen Pfarrherrn von Grünau, aber weshalb konnte nicht der Herr Gall ein Ebenbild des wackeren Man⸗ nes ſein? Meines Vaters mannigfache Geſchäfte, er verwaltete außer dem Syndicat noch mehrere Juſtitiariate, ließen nicht daran denken, daß er zur Bräutigamsſchau reiste, und ſo wurde beſchloſſen, den Herrn Paſtor Gall nach Lüneburg einzuladen, um Anſicht und Einſicht über ihn zu gewinnen. Zugleich ſchien es den Eltern ſchicklich, daß die Tochter ſofort in das väterliche Haus zurückkehre, und deshalb erging denn eine Einladung an den Herrn Gall, um vierzehn Tage nach Lüneburg zu kommen, und ein Schreiben an Henriette, worin dieſer gemeldet ward, daß der Herr Kaſſirer Sturm in den nächſten Tagen nach Bummeritz kommen werde, um ſie zur Heimat abzuholen.

Der Kaſſirer, welchem die Ausſicht eine der Töchter ſeines Freundes verſorgt zu ſehen, ſehr wohl gefallen hatte, erſchrack zuerſt, oder verwun⸗ derte ſich doch wenigſtens ſehr erheblich, als er den Herrn Galerius niger erblickte. Nachdem er aber einen Beſuch in Döbberitz gemacht und praktiſch, wie er in allen Dingen war, ſofort erkannt hatte, daß die Pfarre ein wahrer Leckerbiſſen, wenigſtens bezüglich leiblichen Einkommens, ſo ver⸗ wunderte er ſich lange nicht mehr ſo ſtark wie anfänglich über den ſelt⸗ ſamen Bräutigam und kam ſchließlich zu der Anſicht, bei der er denn auch, wenigſtens vorläufig beharrte, daß die Sache gar nicht ſo übel ſei. Wie er überhaupt, wenn er etwas im Allgemeinen für gut hielt, ſich um das etwa daran ſich knüpfende unangenehme Nebenſächliche, oder doch um das, was er für nebenſächlich hielt, nie ſtark kümmerte, ſo that er es auch in dieſem Falle. Als daher meine Schweſter ihm mit Seufzern und Thränen und kläglichen Worten kam, machten dieſe faſt gar keinen Ein⸗ druck auf ihn, im Gegentheil, er nannte das kindiſche Narrenspoſſen und ſagte ihr zuletzt ſelbſt zornig, es ſei ihre verdammte Schuldigkeit, die Laſt ihrer Eltern zu erleichtern, und dies könne ſie bedeutend durch eine Hei⸗ rath mit dem Paſtor Gall. Wenn dieſer auch gerade kein ſchmuckes Laffen⸗ geſicht und keine Modemanieren wie ein reſidenzlicher petit maitre habe, ſo ſei er doch ſicherlich ein ehrenfeſter und kerniger Mann.Soweit wie die Affaire einmal gediehen iſt, würde nunmehriges Zurücktreten obendrein einen wahren Skandal hecken! Damit ſchloß er. Die arme Henriette