Jahrgang 
3 (1863)
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14 Tante Henriettens Hochzeit.

die genau zu wirthſchaften verſteht, denn ſonſt verkommt ein armer Pre⸗ diger in leiblichem Jammer. Henriette, du haſt dir einen würdigen Ehe⸗ ſtandsgefährten geſucht, und werther Herr Bruder, ich meine auch, Sie werden an Henrietten eine gehorſame, fleißige, ſparſame und ſittſame Che⸗ frau gewinnen. Und ehe meine Schweſter gegen den Sermon des Onkels noch etwas vorgebracht hatte, fand ſie ſich in dem gemeinſchaftlichen Zim⸗ mer des Hauſes, wo eben alle anderen Hausgenoſſen, weil es Abendbrod⸗ zeit war, ſich verſammelt hatten, und der Onkel ſtellte dort nun Herrn Gallhahn und Demoiſelle Henriette als zwei Perſonen vor, die ſoeben einen Bund der Herzen geſchloſſen hätten.Es verſteht ſich, mein wer⸗ theſter Herr Amtsbruder, daß Sie morgen meinem Herrn Schwager, Hen⸗ riettens Vater, ſchreiben und ſeine Einwilligung zum Ehebündniß mit der Tochter erbitten. Dieſelbe wird Ihnen übrigens, dafür möchte ich mit meiner geringen Armuth einſtehen, nicht verweigert werden, ſagte dann ſchließlich der Onkel Muff.

Aber bin ich denn wirklich dadurch, daß er mich wider meinen Willen geküßt hat, ſeine Braut? fragte weinend Henriette, als ſie ſich am Abend mit der Tante Sophie allein befand.Kind, erwiderte dieſe,Onkel ſagt es ja und will es ja ſo. Und was das Leidenmögen anbetrifft, ſo kommt dies oft auch erſt ſpäter in der Ehe. Was Onkel einmal will, Kind, dagegen iſt nichts zu machen, das weißt du ja. Der Herr Paſtor Gall ſchrieb am nächſten Tage ſeinen Brief, und Onkel Muff legte dem⸗ ſelben einige Zeilen bei.

4.

Als dieſe Schreiben in meinem elterlichen Hauſe anlangten, lag meine Mutter unwohl darnieder und konnte daher, was ſie ſonſt ohne Zweifel gethan haben würde, nicht hinüber reiſen nach Mecklenburg, um ſich ſelber dort umzuſehen und umzuhören nach dem Bewerber. Auf die Worte des Onkels Muff gab ſie nicht ganz viel, und es wollte ihr auch nicht ge⸗ fallen, daß Henriette ſelber kein Sterbenswörtchen hören ließ. Anderer⸗ ſeits aber mißfiel ihr der Heirathsantrag an ſich gar nicht, denn welche Mutter, die eine große Reihe Kinder hat, verheirathete nicht gerne eine Tochter, vornehmlich in eine fette, mecklenburgiſche Landpfarre hinein? Alle Welt ſchwärmte obendrein damals für Voß' Louiſe, und ſollte denn