Jahrgang 
3 (1863)
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Von Stuhlmann. 13

zum Gegenſtand ſeiner Geſpräche mit Anderen. Namentlich redete er viel über das, was er Sittlichkeit und Sittſamkeit nannte und betonte dann oft ſtark, daß ſeine eigenen Anſichten und Forderungen an ſich ſelber in

dieſen Beziehungen ausnehmend ſtrenge ſeien. So heiße, um nur Eines

anzuführen, einem Mädchen einen Kuß geben, bei ihm ſo viel, als der⸗ ſelben einen Heirathsantrag machen. Nicht mit Unrecht zähle Hieronymus der Große die Küſſe mit Weibern zu den fleiſchlichen Lüſten, und ſolche könne man, ohne eine Todſünde zu begehen, ſich nur mit der Ehegattin oder der Verlobten erlauben.

Meine Schweſter war faſt ein Jahr in Bummeritz geweſen, als ſie ſich einmal an einem herrlichen Sommerabend in den großen, dichten Laubengängen des Pfarrgartens mutterſeelen allein erging. Da ſtürzte plötzlich hinter einem künſtlich gezogenen Pfeiler des Ganges der Herr Kandidat Gall, oder, wie ihn ſeine Schüler in Folge ſeines ſonntäglichen Coſtümes heute genannt haben würden, Gallhahn hervor und drückte ihr, ehe ſie ſich deſſen erwehren konnte, einige Küſſe auf die Lippen.Mon⸗ ſieur Gall, was fällt Ihnen ein? rief ſie erſchrocken und zornig, indem

ſie ſich frei zu machen ſuchte.Theuerſte Demoiſelle, entgegnete er, ich habe Ihnen ſo eben in aller Reinheit und Ehrbarkeit meines Herzens einen Heirathsantrag gemacht.Du lieber Gott! entgegnete ſie.

Sie haben meinen Kuß entgegen genommen und erwidert, ſagte er weiter,und Sie kennen meine ſtrengen Begriffe von Moral. Theuerſte Henriette, Sie werden doch nicht wollen, daß ich mich Zeit meines Lebens mit dem Bewußtſein, eine Todſünde begangen zu haben, herumtragen muß?Ach Gott, weßhalb haben Sie mir denn einen Kuß gegeben, Herr Kandidat? ſchluchzte ſie.Nicht mehr candidatus, ſondern ple- banus parochiae Döbberitziensis, erwiderte er;ich habe heute den Ruf des Herrn empfangen, ſeine chriſtliche Herde in Döbberitz zu weiden. Zum Brode, theuerſte Henriette, wäre ich. Nachdem der Herr Gall dieſe letz⸗ teren Worte geſprochen hatte, küßte er auf's neue meine Schweſter, ob⸗ ſchon dieſe ſich ſtark dagegen ſträubte..

In dieſem Augenblick kam plötzlich aus einem Seitengange der Onkel Präpoſitus geſchritten, und ſobald er bemerkte, was ſich zutrug, lachte er derbe auf und ſagte:das nenne ich wacker hinter einer Sache her ſein, mein werther Monſieur Gall, ich wollte ſagen: mein geſchätzter Herr Amtsbruder. Ja, in eine Landpfarre gehört eine Frau, und zwar eine,