Jahrgang 
3 (1863)
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12 Tante Henriettens Hochzeit.

lukrativer Penſion. Der Antrag des Herrn Kaſſirers, gegen ein gutes Koſtgeld, deſſen Empfang aber der Zahler, das heißt der Kaſſirer, ver⸗ heimlicht wiſſen wollte, die Nichte hinzunehmen, kam daher dem Herrn Onkel ganz recht. Er gewann ja nicht allein das Koſtgeld, ſondern ſparte obendrein den Lohn, welchen er ſonſt einem andern Frauenzimmer hätte geben müſſen. Und der Herr Präpoſitus ſagte wohl:geben iſt ſeliger denn nehmen, aber er nahm ſtets und gab ſelten etwas anderes, als ſeinen Segen und ſelbſt dieſen meiſt nur sub clausula. 1

Meine Schweſter kam alſo nach Bummeritz, und ſie tummelte ſich dort, unter Anleitung der Tante Sophie, die eine gutmüthige Seele, aber ganz von ihrem Mann verſchüchtert war, wacker in der großen Wirth⸗ ſchaft umher, und bald hatten alle Bewohner des Paſtorats das herzige, freundliche, hübſche Mädchen gern und ſelbſt lieb.

Der Präpoſitus hatte, wie geſagt, mehrere Söhne und außerdem mehrere fremde Knaben in Penſion. Zum unterrichten derſelben hielt er ſich einen Kandidaten, der Monſieur Gall hieß, ſchon ziemlich in Saat geſchoſſen war und etwas ſchiefe Beine, eine blauröthliche Naſe, kleine, trübe, graue Augen und einen großen, zahnloſen Mund hatte. Herr Gall trug dabei eine ſchlecht gemachte, ſchwarzwollene Knotenperücke und All⸗ tags Rock und Hoſen von Beiderwand und Schuhe, welche mit Riemen zugebunden waren. An hohen Feiertagen oder wenn er predigte oder zum Gottestiſch ging, trug er ein altes, bereits ſehr kahl gewordenes Kleid von ſchwarzem Bombaſin, an gewöhnlichen Sonntagen dagegen ein apfel⸗ grünes, mit verſchoſſener Silberſtickerei, eine rothe, goldbordirte Weſte und Beinkleider von ambrafarbigem Wollenplüſch, weiße Zwirnſtrümpfe und Schuhe mit großen, tombackenen Schnallen. Uebrigens war er ſtets von einem ernſten, ſeltſam feierlichen Weſen, prätendirte ein großer Gelehrter zu ſein, citirte oftmals ganze, lange Perioden aus den Kirchenvätern und den Schriften der Reformatoren und befleißigte ſich dabei, wie er ſelber häufig zu ſagen beliebte, eines exemplariſch ſittlichen Lebenswandels. Bei ſeinen Scholaren war er aber trotzdem nicht ſonderlich beliebt; dieſe nannten ihn ſogar in ihren vertraulichen Geſprächen an Wochentagen nie anders, als Gallig, an Sonntagen Gallhahn, und wenn er in ſchwarzem Bom⸗ baſin einherwandelte, nannten ſie ihn Galerius niger.

Herr Gall, dem überhaupt eine gewiſſe Selbſtgefälligkeit nicht ab⸗ ging, machte ſein eigenes Thun und ſeine eigenen Anſichten oft und gerne