Von Stuhlmann. 17
kamen am Abend deſſelben Tages, an welchem am Morgen mit der Poſt von Artlenburg der Herr Paſtor Gall eingetroffen war. Herr von G. hatte übrigens ſein altes Quartier bei der Frau von Ramshorn bezogen.
Herr Paſtor Gall hatte ſich zu ſeiner Brautfahrt, vielleicht aber auch zu ſeiner Einführung ins Predigtamt, ein neues, ſauberes, ſchwarzes Tuch⸗ kleid, ein paar ſilberne Schuhſchnallen und einen kaffeebraunen Roquelore angeſchafft, auch ſeinen Hut aufſtaffiren und ſeine Perücke von Grund aus aufarbeiten laſſen. So ſah er denn ein ganz Theil gewöhnlicher aus, als ehedem, und in Folge deſſen machte ſeine Erſcheinung im Fleiſch auf die Augen meiner Mutter bei weitem nicht den üblen Eindruck, den ihre Imagination ſich nach den Andeutungen des Kaſſirers und den abge⸗ fragten Erzählungen der Tochter von ihm gemacht hatte.„So fürchterlich häßlich iſt er gar nicht,“ ſagte meine Mutter zu ſich.„Freilich mein Albrecht ſah ſeiner Zeit ganz anders aus und thut dies ſicher auch noch, und auch der Kaſſirer erſchien ein ganzes Theil beſſer, obſchon er immer eine rothe Naſenſpitze hatte. Aber, du lieber Gott! Wenn nur hübſche Männer Frauen nehmen ſollten, ſo würde die Welt ſich bald nicht mehr vor alten Jungfern zu bergen wiſſen. Henriette iſt nicht das erſte hübſche Mädchen, welches einen häßlichen Mann kriegt. Uebrigens hat er ganz nette Hände, und dieſe kommen, nach dem Geſicht, doch am meiſten bei einem Prediger zu ſehen. Seine Sprache iſt freilich ein wenig breit, und ſeine Manieren ſind ein wenig ſteif und bäueriſch, aber das iſt einmal bei allen Mecklenburgern ſo.— Wegen der Federn zu den Betten muß ich nur gleich an Sophie ſchreiben; die ſind da in Mecklenburg, wo ſie ſo unendlich viele Gänſe ziehen, ſicher billiger zu haben, als hier bei uns.“
Auf meinen Vater, ſo milde und nachſichtig er im Allgemeinen An⸗ dere zu beurtheilen pflegte, machte dagegen der Herr Paſtor einen entſchie⸗ den ungünſtigen Eindruck. Ihm war es aber Grundſatz, jeden erwachſenen Menſchen ſo wenig als möglich zu beſchränken, und das Wort:„ein Jeder muß der Schmied ſeines Glückes ſein“, kam häufiger als irgend ein an⸗ deres aus ſeinem Munde. Er gab nichts ungerner und ſparſamer als ſeinen Rath, und hatte deswegen auch der Advocatur, welcher er vormals mit großem Erfolge obgelegen, gänzlich entſagt. Dennoch erwiderte er, als am Nachmittage jenes Tages meine Schweſter ihn fragte:„was rathen Sie mir zu thun, lieber Vater, ſoll ich ihn wirklich heirathen?“—„Mein
Hausblätter. 1863. III. Bd. 2 4 ₰


