Jahrgang 
3 (1863)
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10 Tante Henriettens Hochzeit.

Der Herr Sturm war ein ſtraffer, kerniger, rothwangiger Mann, raſch und beſtimmt in all ſeinem Thun, ſehr beredt, etwas befehlhabe⸗ riſch, außerordentlich höflich gegen ältere Damen, vornehmlich gegen meine Mutter, dabei aber kurz und barſch gegen Kinder, beſonders gegen Kna⸗ ben, die er eigentlich nie anders, als Burſchen, Buben, Rangen und Schlingel betitelte. Daher kam's denn auch, daß der Beſuch des Kaſſirers uns Kindern ſtets ein unerfreulicher war, vornehmlich an unſern Geburts⸗ tagen; denn ſobald er erſchien, mußten wir uns mäuschenſtill verhalten, und während er meiner Mutter in den höflichſten Worten einen Glück⸗ wunſch zu dem Geburtsfeſte ihres Kindes ſagte, wurde das Feſtkind ſelber entweder gar keiner Anrede oder nur einer barſchen Ermahnung von ihm gewürdigt. Des Kaſſirers Wort galt ungemein viel in unſerem Hauſe. Wir ſämmtlichen Kinder, und ich glaube meine Mutter ſelber, hätten viel eher gewagt, einem Befehle meines Vaters nicht zu gehorchen, als einem Worte des Kaſſirers. Nur über zwei Perſonen in unſerem Hauſe herrſchte derſelbe nicht unumſchränkt das waren mein Vater und Chriſtian Schmidt.

Als wir am Abend jenes Geburtstages bei Tiſche ſaßen, der Kaſſirer zwiſchen meiner Mutter und Henriette, ſagte er plötzlich: meine theuerſte Frau Gevatterin, Demoiſelle Henriette iſt heute achtzehn Jahre geworden. Es wäre wahrhaftig wohl an der Zeit, daß ſie einmal ein anderes Hausweſen ſähe, wo nicht alles ſo am Schnürchen geht, wie hier in dem Ihrigen. Nicht allein den Nelken thut das Umpflanzen gut, ſondern auch den Menſchen. Aber Sie ſelber, theuerſte Frau Gevatterin, haben ſicherlich bereits über dieſe Sache gedacht, vielleicht ſchon einen Plan gefaßt? Obſchon nun meine Mutter, wenn ſie ehrlich die Wahrheit geſprochen, hätte ſagen müſſen, daß ſie bis jetzt noch nie daran gedacht habe, ihre Tochter von ſich und in eine andere Wirthſchaft zu geben, ſo erwiderte ſie doch, befangen in einer Art von Furcht vor dem Kaſſirer: ſie habe allerdings wohl zuweilen Ideen darüber ſich durch den Kopf gehen laſſen, aber ſie meine doch, Henriette ſei noch zu jung, um ſie ſchon unter fremde Menſchen zu ſchicken.

Unter fremde Menſchen, gewiß, erwiderte der Kaſſtrer,das würde ich auch nimmer Ihnen proponiren mögen, theuerſte Frau Gevatterin. Aber zu Verwandten, das wäre doch wohl ein anderes Ding, nicht wahr? Gerade herausgeſprochen: ich habe bereits ein wenig in der Sache gethan.

ſh da⸗

Ach eine