Jahrgang 
3 (1863)
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Von Stuhlmann. 9

friedfertig plaudernd und ſchmauchend bei einander, das heißt, Henning

Brink ſchmauchte und Henning Brink erzählte, und Chriſtian Schmidt ſchmauchte nicht und erzählte auch nicht, ſondern hörte zu.

Herr von G. ſaß hübſch zu Pferde, und es ſah wirklich ſehr ſtattlich aus, wenn er, gefolgt von ſeinen beiden Dienern, über den weiten Platz, an welchem unſer elterliches Haus lag, dahin ſprengte. Bald geſchah dies jedoch nur noch ſelten bei den faſt täglich ſtattfindenden Ausritten, vielmehr ritten nun Herr und Diener gewöhnlich langſam durch die ſchmale Gaſſe, an welche unſere Hintergebäude ſtießen. Und bald geſchah es auch, daß der junge Herr dann häufig tief ſeinen Hut abzog und ſich ehrerbietig gegen unſere Küchenfenſter hin verneigte, und oftmals wurden dann zwei Wangen plötzlich dunkelpurpurn und die junge Beſitzerin derſelben flog ſcheu von dem Fenſter zurück. Wenn aber die Reiter vorüber waren, ſchlich dasſelbe Mädchen oft ſcheu, und als ſchäme es ſich vor ſich ſelber, wieder an das Fenſter und ſchaute mit pochendem Buſen die enge, todte Straße entlang, bis die Reiter um eine Ecke verſchwunden waren.

3.

Henriettens achtzehnter Geburtstag kam und mit ihm, wie an jedem Geburtstage in unſerer Familie, am Abend der Herr Landeskaſſirer Sturm. Der Herr Kaſſirer war meines Vaters intimſter Freund. Sie waren ſchon Schulkameraden geweſen, hatten ſpäter zuſammen ſtudirt, ſich beide in dasſelbe Mädchen verliebt und waren doch Freunde geblieben, als mein Vater ſchließlich das Herz und die Hand jenes Mädchens, näm⸗ lich meiner Mutter, erhalten hatte. Sie ſind auch Freunde geblieben bis an ihren Tod und drüber hinaus. Als mein Vater auf ſeinem Sterbe⸗ bette lag, da faßte er des Kaſſirers Hände, und indem er einen Blick auf uns Kinder, die wir um ſein Bette ſtanden, und auf meine Mutter, die auf einem niedrigen Schemel ſeitwärts am Fenſter hockte, warf, ſagte er leiſe:Sturm! und der Kaſſirer ſah darauf auf meine Mutter und auf uns Kinder ſo freundlich, wie er es nie zuvor gethan hat, und beugte ſich dann über meinen Vater, drückte deſſen ſchon kalt werdenden Hände und ſagte:mein Johann Albrecht! Und als mein Vater geſtorben war, hat der Kaſſirer für uns und unſere Mutter geſorgt, gedacht und ge⸗ arbeitet, wie es wenige Väter für ihre leiblichen Kinder thun.