Jahrgang 
3 (1863)
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8 Tante Henriettens Hochzeit.

einige junge Herren reinſten Geblütes, zu jenen Zeiten oft Kurländer und Livländer, in ihrem Hauſe.

Die gute Dame hatte den Wunſch, dieſen jungen Leuten den Auf⸗ enthalt bei ſich ſo angenehm als irgend möglich zu machen, und in Folge deſſen beſtrebte ſie ſich auch ſehr, ihnen Eingang in die angeſehenſten Häuſer der Stadt, namentlich in ſolche, wo ſich eben erwachſene oder heranwachſende hübſche Töchter befanden, zu verſchaffen. Sobald daher meine Schweſter Henriette confirmirt war, machte die Frau Geheime Hof⸗ räthin meiner Mutter einen Beſuch, brachte dabei bald das Geſpräch auf ihre aimablen, charmanten, jungen Cavaliere und fragte ſchließlich geradezu, ob es denſelben wohl erlaubt ſei, einmal der Frau Syndica und Demoi⸗ ſelle Henriette in dero Hauſe ihre Aufwartung zu machen, um ſchuldige Hochachtung und Reſpekt zu bezeigen? Meine Mutter würde nun wahr⸗ ſcheinlich dies geſtattet haben, aber unglücklicherweiſe war gerade in dieſem Augenblick mein Vater eingetreten, und dieſer, welcher übrigens die Frau von Ramshorn nicht gut leiden konnte, hatte, ſobald er gehört, wovon es ſich handelte, mit dürren Worten erklärt, daß er achtzehn⸗ bis zwanzig⸗ jährige Cavaliere für keinen paſſenden Umgang für ſeine fünfzehnjährige Tochter halte. So mußte denn die Frau Ramshornin, ohne ihren Zweck erreicht zu haben, abziehen; aber ſie warf deshalb keinen Groll auf meine Eltern und noch weniger auf meine Schweſter. Im Gegentheil nickte ſie dieſer, ſobald ſie ihrer Morgens in der Küche anſichtig wurde, ſtets freundlich zu, und pries dieſelbe ihren Cavalieren als die aimableſte junge Dame der ganzen Stadt, um die es ein Jammer wäre, daß der Vater, ein ſonſt ſo höchſt honorabler Mann, ſo altväteriſche Anſichten beſitze.

Um die Zeit, von der ich jetzt erzähle, wohnte bei der Frau Gehei⸗ men Hofräthin ein junger, kurländiſcher Edelmann Namens von G.

Allerorts wurde über dieſen Mann geſprochen, denn er war ungewöhnlich.

hübſch und, wie man allgemein ſagte, außerordentlich reich. Er machte auch einen Auſwand, wie ihn ſelten die jungen Herren der Ritterakademie machten; er hielt ſich mehrere Reitpferde, und ihn begleiteten nicht bloß ein Gouverneur, ſondern auch zwei Diener, von denen der eine, ein bereits ältlicher Mann, früher in preußiſchen Dienſten geſtanden und den ſiebenjährigen Krieg mit durchfochten hatte. Chriſtian Schmidt, der ja auch ein alter Kriegsheld war, befreundete ſich ſehr bald mit Henning Brink, ſo hieß der alte Seydlitz'ſche Küraſſier, und Abends ſaßen ſie oft