Jahrgang 
3 (1863)
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Von Stuhlmann. 7

dero älteſte Tochter, Demoiſelle Enriette, die niedlichſte Fuß. Vraiment, ganz eine Fuß, wie die dames von Paris.

Unſer Haus war ein Eckhaus, und die Fenſter unſerer Wirthſchafts⸗ lokalitäten gingen daher nicht auf einen Hof, ſondern auf die Straße. Dazumal ſcheute man noch nicht ſo ſehr wie heut zu Tage, ſich bei ehr⸗ baren Geſchäften den Augen Anderer bloßzuſtellen, und ſo konnten denn auch alle, welche durch die ſchmale Gaſſe gingen, und ebenſo die Bewoh⸗ ner der Nachbarhäuſer es ſtets ſehen, wie meine Schweſter ſtill, fleißig und heiter in Küche und Speiſeräumen hantierte. In dem Hauſe jenſeits der Straße, deſſen Hintergebäude auch den unſerigen gegenüber lagen, wohnte die verwittwete Frau Geheime Hofräthin Ramshorn, oder wie ſie ſich lieber nennen hörte: von Ramshorn. Dieſes Von wurde aber der guten Dame, da ſie ſich trotz ihres ſchönen Titels in mißlichen Vermö⸗ gensverhältniſſen befand, eigentlich nur von ſolchen Kleinbürgern gewährt, von denen ſie ihre Bedürfniſſe entnahm. Die vornehmere Lüneburger Welt dagegen opponirte ſich entſchieden wider dies Von, beſonders ſeit der Herr Zöllner Manecke, der eine faſt europäiſche Autorität in Adels⸗ ſachen und allem, was damit zuſammenhängt, war, einſt offen erklärt hatte: uradelige Ramshörner kämen im ganzen heiligen römiſchen Reich nicht vor; eine durch Wappenbrief Kaifer Joſephs I. geadelte Familie des Namens exiſtire allerdings in Schwaben, aber mit dieſer ſei der verſtor⸗ bene Herr Geheime Hofrath ganz beſtimmt nicht verwandt geweſen. Was die Dame ihr Wappen zu nennen beliebe, ſei übrigens ein Ding, das gegen alle Regeln der Heraldik verſtoße, und irgend ein unwiſſender Schmierer in einem kleinen Neſt müſſe es dem Ahnherrn der Familie zu⸗ ſammen geſudelt haben.

Wenn aber dieſe Adelsanſprüche der Frau Geheimen Hofräthin in der Stadt auch keinen Zuwachs von Ehre brachten, ſo brachten ſie ihr doch von außerhalb einen Zuwachs an Brod. Halbjährlich erließ ſie nämlich im Reichsanzeiger und im Hamburgiſchen Correſpondenten Annoncen, welche beſagten, daß eine ältere, verwittwete, adelige Dame, in Lüneburg wohnhaft und dort in den erſten Cirkeln ſich bewegend, geneigt ſei, einige junge Cavaliere, welche die hochberühmte Ritterakademie jener Stadt zu beſuchen gewillt, bei ſich in Koſt und Quartier zu nehmen. Dieſe An⸗ noncen thaten ihre Wirkung, die Frau Geheime Hofräthin hatte ſtets