Jahrgang 
3 (1863)
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6 Tante Henriettens Hochzeit.

der Alte ſchleppte nunmehr mühſam und ächzend den Sack mit dem Silber⸗ zeug hinaus, und Chriſtian Schmidt, der ſonſt die Dienſtfertigkeit ſelber war, legte keine Hand an, ihm zu helfen, ſondern ſtand ſo kerzengerade und ernſtblickend, wie ein Markt-Roland, neben der Thür.

Mir wurde bei dem, was ich ſah, ganz unheimlich zu Muthe, und die Mittheilungen, welche ich davon meinen Geſchwiſtern machte, übten auf dieſe eine ähnliche Wirkung. Wir fühlten uns insgeſammt recht un⸗ glücklich, beſonders als wir, in die Wohnſtube zurückkehrend, bemerkten, daß unſere Mutter weinte. Der Vater ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Einigemale blieb er vor der Mutter ſtehen, ſchüttelte den Kopf und ſagte mit einem ernſten und doch ſeltſam weichen Tone:Eleo⸗ nore, Eleonore! Viel Lärmen durften wir freilich niemals im Wohn⸗ gemache meiner Eltern aufführen, aber heute verhielten wir uns denn doch ganz ungewöhnlich ſtille. Und als bald darauf Schweſter Henriette mit unſern abendlichen Butterbröden kam, da ließen wir, was ſonſt noch nimmer vorgekommen war, davon über, denn wir meinten alle, unſer Vater ſei nunmehr ganz arm geworden, und es ſei unſere Pflicht, unſerm Appetit ſo viel als dies nur irgend möglich Gewalt anzuthun. Simeon Israel kam in den nächſten Jahren noch öfters bei Nachtzeit in unſer Haus und buckelte ſchwer beladen wieder daraus fort. Meine Mutter iſt aber, glaube ich, nie wieder oben auf dem ſchwarzen Saale geweſen.

2.

Meine Schweſter Henriette war zu jener Zeit ungefähr achtzehn Jahre alt. Sie war ein ſchlankes, ſchmuckes Mädchen und ſchon damals eben ſo freundlich gutherzig, wie ſie es noch heute iſt. Wenn ſie Alltags in ihrem blaugedruckten Leinwandkleide, mit dem weißen Mützchen und der weißen Latzſchürze im Hauſe emſig waltete, ſah ſie faſt noch lieblicher aus, als wenn ſie Sonntags in bohen Hackenſchuhen und Zwickelſtrümpfen, in der ſtattlichen Robe von buntem holländiſchem Kattun, mit Poſchen und Falbeln, in Seidenumhang und Federhut, an der Seite meiner Mutter zur Johanniskirche trippelte. Unſer alter Schuſter Dumollard, der aus einer franzöſiſchen Refügiés⸗Familie ſtammte, ſagte einſt zu meiner Mutter: Frau Syndica, Magnificence, von alle dames in der ganzen Stadt haben