Von Stuhlmann. 5
geweſen, trotzdem aber wäre eines von uns kleineren Kindern nicht für alle Schätze der Welt allein wieder in das Haus gegangen.
Eine Minute waren wir in dem Bedientenzimmer geweſen, als im Wohngemache meiner Eltern geſchellt ward. Chriſtian Schmidt eilte fort und der alte Simeon Israel folgte ihm mit einer Art von zitternder Haſt. Kaum war er hinaus, als mehrere von uns Geſchwiſtern zugleich einander die Frage thaten:„was mag der alte Jude bei den Eltern wollen?“ Das ſtand uns ſofort feſt: ein außerordentliches Ereigniß hatte ihn in unſer Haus geführt. Eine brennende Neugierde, wie wir ſie noch nie gekannt, überkam uns; bis dahin hatten auch unſere Eltern uns noch nimmer merken laſſen, daß ſie Geheimniſſe vor uns hatten.„Ich wüßte ſchon, wie wir erfahren könnten, was ſie drinnen vorhaben,“ ſagte meine Schweſter Sophie, welche zwei Jahre älter war als ich.—„Nun, wie denn, Mutter Weisheit?“ fragte mein Bruder Fritz, der damals, wie er ſelber zu ſagen pflegte, ein alter Quintaner war.—„Wie denn?“ erwiderte Sophie, „ſiehſt du dort oben über Chriſtian Schmidts Kleiderſchrank nicht das kleine Fenſter? Von dort aus kann man gerade in Mama's Stube hinein⸗ ſehen, und wie wir hinaus mußten, ſtand die Flügelthür von dort nach der Wohnſtube weit offen. Laß Chriſtine auf den Schrank ſteigen; ſie kann uns dann ſagen, was ſie ſieht.“
Bald ſaß ich denn auch wirklich oben auf dem Kleiderſchrank und guckte durch das kleine Fenſter. Klar und deutlich konnte ich ſehen, was in unſerer Wohnſtube ſich zutrug. Simeon Israel und Chriſtian Schmidt wogen miteinander das Silbergeſchirr, welches mein Vater heruntergebracht hatte. Dann ſteckte Simeon Israel, aber ohne des Dieners Hülfe, das⸗ ſelbe in einen grauen, ſchlecht ausſehenden Sack und band dieſen langſam und ſorgfältig zu. Hierauf zog er aus ſeiner Hoſentaſche einen kleinen, ſchmutzigen Lederbeutel und zählte bedächtig und oft an den Fingern nach⸗ rechnend, einige kleine Reihen von Goldſtücken und ſchließlich einige Neu⸗ zweidrittelſtücke auf den Tiſch. Mein Vater, welcher bis dahin neben meiner Mutter in der finſterſten Ecke des Zimmers geſtanden, trat nun heran, zählte raſch die Münzen über und ſtrich ſie dann langſam, nach⸗ dem er das Gold zuvor in Papierrollen gewickelt, in einen kleinen Korb, in welchem er ſein Geld zu bewahren pflegte. Dann nahm er ſein Taſchentuch und wiſchte ſich die Stirne ab und winkte mit der Hand dem alten Juwelier, der jetzt ſeltſame Bücklinge und Kratzfüße machte. Und


