Jahrgang 
3 (1863)
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Von Stuhlmann. 3

ſeltſam geformter, bunt und mühſam ausgelegter Kaſten ſtand dort, auf deſſen Deckel mit meſſingnen Buchſtaben geſchrieben war:Generallieute⸗ nant von R. Dieſer Kaſten intereſſirte uns Kinder ganz beſonders. Wir wußten, daß er unſers UrgroßvatersCampagnekoffer geweſen war, und daß noch jetzt ſeine Waffen, worunter ſich ein ſtählerner Harniſch und ebenſolche Beinſchienen und ein Koller von Elendshaut befanden, in ihm lagen. Dieſe Waffen waren uns natürlich ſehr wichtig, und es galt uns für eine Art von Feſttag, wenn wir einmal den Schlüſſel zu dem Koffer erhielten und ſie aus dem Häckerling, in den ſie, damit ſie nicht roſteten, verpackt waren, herausnehmen durften. Mehr aber noch als dieſe Waffen intereſſirte uns Kinder das kleine Wörtchen von, das auf dem Deckel ſtand. Weshalb führten wir dasſelbe nicht vor unſerm Na⸗ men, weshalb hieß unſere Mutter einfach Frau Syndica, während die Frau Senatorin von Ballerhorn ſtets gnädige Frau genannt wurde? Das war uns allen ein Räthſel, und doch forſchten wir, ſo weit ich mich er⸗ innern kann, nie nach der Auflöſung bei unſern Eltern.

Außer dieſen Familienreliquien enthielt aber der Saal noch andere. In die Täfelung waren mehrere große Schränke eingelaſſen, und an einem derſelben zeigten ſich noch deutliche Spuren, daß man ihn einſt mit Ge⸗ walt hatte aufſprengen wollen. Mit angſtvoller Begierde hörten wir es an, wenn Chriſtian Schmidt erzählte, daß der berüchtigte Räuber Nickel Liſt mit der ſchönen, als ein Mann Lerkleideten Jungfer von Sina, um dieſelbige Zeit, als ſie die weltberühmte goldene Tafel aus der Michaelis⸗ kirche raubten, hier im Hauſe einen Einbruch gemacht, aber durch ein zu⸗ fällig von der Wand herabſtürzendes Bild erſchreckt und in die Flucht getrieben ſei. Dieſe großen Schränke waren noch jetzt mit ſtarken, mächtigen Schlöſſern verſehen und die Thüren von innen mit Stahlplatten benagelt, und in meiner früheſten Kindheit ſtanden dieſe Schränke von unten bis oben ganz voll von großen ſilbernen Pokalen, Theebrettern, Bechern, großen Schüſſeln, Terrinen und mannigfaltig geſtalteten Leuch⸗ tern. Dieſes Silberzeug ſtammte zum großen Theil von meinem Urgroß⸗ vater, dem alten Generallieutenant, der bei Malplaquet erſchoſſen ward, her, theils aber auch von deſſen Vater und Großvater. Von all den vielen Gefäſſen intereſſtrte uns Kinder aber keines mehr, als ein kleiner, ſilberner, buntemaillirter Becher, auf dem ſich arabiſche Schriftzüge be⸗ fanden. Unten am Fuße dieſes Bechers ſtand in deutſcher Schrift ein⸗

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