2 Tante Henriettens Hochzeit.
Sparſamkeit hatte immer im Hauſe meiner Eltern geherrſcht, und ſo waren ſie denn bis dahin auch immer, was man ſo nennt, anſtändig durch alle ihre Leibesſorgen hindurch gekommen. Nun aber wuchſen die Ausgaben von Tage zu Tage, namentlich ſeit meine beiden älteſten Brüder die Uni⸗ verſttät zu Göttingen bezogen hatten und obendrein Krieg und Theurung in das Land gekommen waren. Schmalhans wurde bei uns Küchenmeiſter, und meine Brüder behaupteten oft, daß Schweſter Henriette, welche ihnen das Butterbrod zu ſchmieren hatte, ſtets mehr dabei vom Brode als auf das Brod kratze. Das Pfund Butter, von dem ſie am Sonntage an zu ſchmieren fange, ſei regelmäßig am Sonnabend zu anderthalb Pfunden geworden.
Unſer Lakai, welcher Chriſtian Schmidt hieß, war ein langer, hagerer, ſchon grau werdender Mann. Er war bereits Diener bei meinem Groß⸗ vater, der als Oberſtlieutenant in der Schlacht bei Haſtenbeck fiel, geweſen und hing mit großer Treue und Liebe an meinem Vater und an uns Kindern. Wie es öfters bei alten Leuten, denen das Glück nicht allzuviel zwiſchen die Zähne gebracht hat, der Fall zu ſein pflegt, ſprach er manch⸗ mal laut mit ſich ſelber.„Böſe Zeiten, böſe Zeiten!“ hörten wir ihn oft für ſich ſagen, wenn er Abends in ſeinem Zimmer das Silberzeug putzte,„wo ſoll's am Ende noch hinaus? Die jungen Herren koſten Geld, viel Geld. Wenn der Sohn ſtudiren ſoll, muß der Vater Gelder ſchicken! Und wir haben's nicht! Was ſoll's viel nützen, daß der Herr Syndicus kein Glas Wein bei Tiſch mehr trinken wollen?— Es ſticht einem ordentlich durch's Herz, Chriſtian Schmidt, wenn man es mit anſieht!“ Und wenn der alte, treue Mann ſich ſo ausgeſeufzt hatte, dann polirte und ſcheuerte er noch dreimal haſtiger und emſiger als gewöhnlich an ſeinem Silberzeug.„Die Canaillen,“ ſagte er dann wohl, indem er einen Löffel oder eine Gabel gegen das Licht hielt,„wollen ja heute gar nicht blank werden!“ Aber ſie waren wohl blank, und nur die Thräne, welche ihm, ohne daß er es wußte, im Auge hing, ließ ihren Glanz ihm matt erſcheinen.
Oben in unſerem großen, alten Hauſe, das ſchon ſeit mehreren Jahr⸗ hunderten unſerer Familie gehörte, war ein weiter, ganz mit dunklem Eichenholz getäfelter Saal. Da hingen die Bilder von meines Vaters Vorfahren, die Männer theils noch in eiſernen Rüſtungen, theils in ſtatt⸗ liche Patriciertracht oder in reiche Uniformen gekleidet. Auch ein großer,
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