Cante Heuriettens Hochzeit.
Eine Geſchichte.
Von
Stuhlmann.
1.
Euer Großpapa, lieben Kinder, war Syndicus der Stadt Lüneburg. Wir waren zwölf Geſchwiſter, vier Mädchen und acht Söhne. Meine Schweſter Henriette, eure gute alte Tante, war von uns Mädchen die älteſte, ich war eins der jüngeren Kinder und zu der Zeit, von welcher ich heute erzählen will, etwa acht Jahre alt.
Schlimme Zeiten waren es dazumal; alle Lebensmittel waren unge⸗ wöhnlich theuer und obendrein lagen wir im Krieg mit den Franzoſen. Dies letztere hatte noch ein ganz ſpecielles Intereſſe für uns, weil mein Bruder Theodor, der noch ein blutjunger Cornet war, beim Corps des General Hammerſtein ſtand, welches eben dazumal von den Franzoſen in Menin belagert ward. Das brachte natürlich tägliche Sorge über meine Eltern, die ſchon von anderen Seiten her deren genugſam hatten.
Meine Eltern, obſchon beide aus alten, vornehmen Familien ſtam⸗ men, beſaßen nämlich faſt kein Vermögen, und der Gehalt, welchen mein Vater bezog, war, in Anbetracht der Anſprüche, welche damals die Welt, das heißt: genauer geſprochen die Patricier und angeſehenen Bürger der Stadt Lüneburg, an den Soyndicus einer ſo bedeutenden Stadt machte, ein nicht beträchtliches. Denn dieſer Gehalt betrug für das Jahr kaum tauſend Thaler und davon ſollte nicht bloß der Herr Syndicus mit ſeiner Familie leben, ſondern außer anderen Dienſtboten auch ein Lakai, denn ein Syn⸗ dicus ohne Lakai hätte dazumal den Lüneburgern als nichts rechtes gedeucht.
Hausblätter. 1863. III. Bd. 1


