474 Aus dem Leben des Herzogs Ulrich von Württemberg. verwandelt. Die ſchwäbiſchen Reichsſtädte, Reutlingen an der Spitze, welche die thätigſten bei ſeiner Vertreibung geweſen waren, ſtehen mit der öſterreichiſchen Regierung je länger je mehr in geſpannten Verhält⸗ niſſen, ſind ohnedies meiſt der Reformation zugeneigt und ſprechen offen aus, wie ſie den Herzog von Württemberg zurückwünſchen.— Von den Fürſten, die früher dem Kaiſer gegenüber kein Wort für ihn hatten, werden jetzt wiederholte Vorſtellungen ſeinetwegen gemacht, und zwar ſind nicht die unthätigſten die katholiſchen Churfürſten, welche die öſterreichiſche Politik mißtrauiſch gemacht hat.
Der ſo wichtige Reichstag zu Augsburg im Juni 1530, auf welchem die Proteſtanten ihr Bekenntniß vorlegten, ſollte auch in Ulrichs Sache entſcheiden. Seine Freunde haben alles Mögliche für ihn gethan; faſt einmüthig verlangen die verſammelten Fürſten die Rückgabe des Herzog⸗ thums an ihn. Auch Philipp, ſein Gaſtfreund, iſt zum Reichstage ge⸗ reist, nur Ulrich, der Geächtete, mußte zurückbleiben, und der Entſchei⸗ dung in der Ferne entgegenwarten. Bedeutungsvoll aber mahnt die Ver⸗ ſammelten der Anblick ſeines Sohnes Chriſtoph, des beraubten Landes⸗ erben, der unter dem Hofſtaat des Kaiſers anweſend iſt, und in Oeſter⸗ reich unter ſtrenger Aufſicht und Abhängigkeit erzogen, kaum weiß, daß er ein Fürſtenſohn und wo ſeine Heimat iſt, bis er jetzt erfährt, welche Rechte und Anſprüche ihm und ſeinem Vater vom Hauſe Oeſterreich vor⸗ enthalten werden. Der Kaiſer aber zieht die Reichsverſammlung ohne beſtimmte Antwort wegen Ulrichs hinaus, bis die Wahl Ferdinands, ſeines Bruders, zum römiſchen König und ſeinem einſtigen Nachfolger, die er lange anſtrebte, vollzogen iſt— dann ſchließt er zu allgemeiner Ueberraſchung den Reichstag mit einer feierlichen Belehnung ſeines Bruders mit Württemberg. Allgemein war die Unzufriedenheit; ſelbſt Wilhelm von Baiern, Ulrichs ihm ſo ſehr verfeindeter Schwager, beſchwerte ſich bitter, da das Herzogthum mindeſtens nicht dem unſchuldigen Erben Chriſtoph entzogen werden dürfe.
Ulrich aber, der ſo manche bittere Enttäuſchung hatte erfahren müſſen, ließ ſich auch von dieſem Schlage nicht überwältigen. Wie ſeine Kraft gereift war, zeigt ſich am beſten in der zähen, unermüdlichen Ausdauer und Beſonnenheit, womit er neun Jahre auf ſeinen endlichen Sieg hin⸗ arbeitet, mit der er auf einer Seite die Unterhandlungen nicht abbricht, durch welche der Kaiſer ihn hinhalten und von gewaltſamen Schritten ab⸗


