Jahrgang 
2 (1862)
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472 Aus dem Leben des Herzogs Ulrich von Württemberg.

Während deſſen aber wurde in Deutſchland die Theilnahme für ihn immer reger. Die alten Anklagen waren verſtummt; die Erinnerung an ſeine Vergangenheit trat zurück. Ohnedies hatte Karl des Fünften Auf⸗ treten die Fürſten mißtrauiſch gemacht; man fand es unrecht und gefähr⸗ lich, daß der Kaiſer ein ſelbſtſtändiges Herzogthum ohne Fug und Recht ſeiner Hausmacht einverleibte. Jetzt lud Philipp von Heſſen, ein Jugend⸗ freund Ulrichs und einſt ein Genoſſe der fröhlichen Tage am Hofe Mari⸗ milians, von Ulrichs trauriger Lage in Kenntniß geſetzt, ihn an ſeinen Hof ein. Es war dies eine neue Stufe der Demüthigung für den Für⸗ ſten, der ſonſt ſelbſt die ausgedehnteſte Gaſtfreundſchaft geübt und ſelbſt einen Hof von fürſtlichen Perſonen, jüngeren Prinzen oder Brüdern re⸗ gierender Herren um ſich geſammelt hatte. Aber es war eine Hülfe in der Noth, die der von aller Welt Verlaſſene dankbar annahm. Seit nahezu acht Jahren geächtet, heimatlos, gemieden von Freunden und Verwandten, ein Genoſſe Verzweifelter und gleich ihnen verfolgt, ſtets vor öſterreichiſch⸗ ſpaniſchen Mördern auf der Hut ſah er ſich zum erſtenmale wieder in Sicherheit, als Fürſt bei Fürſten behandelt. So ſehr war er allen Um⸗ gangs mit früheren Freunden und Standesgenoſſen entwöhnt, daß er ſich gerührt und überraſcht zeigt, als er mit dem Landgrafen zu einer Hochzeit am Churſächſiſchen Hofe geladen und da von ſämmtlichen fürſtlichen Gäſten gar freundlich und höflich behandelt wird.

Und ſichtbar war auch der Eindruck ſeiner Perſönlichkeit ein günſtiger auf die zahlreiche Verſammlung. Das war nicht mehr der jugendliche Tyrann, der ſein Land mit ſchrankenloſer Willkür mißhandelt, der blutige Rache am untreuen Freunde genommen hatte. Wenn ſein früheres Un⸗ glück, ſeine des Liebſten beraubte Jugend und ſeine unglückliche Ehe ihn in die Gewalt der finſteren Mächte gejagt hatte, ſo hatte er jetzt ſich aus derſelben aufgerafft; er erſcheint von langem Unglück verfolgt, aber nicht in den Staub gedrückt, nicht entnervt. Er zeigt ſogar einen friſchen, keineswegs erzwungenen Humor, ſteht früheren Gegnern und Beleidigern ohne Empfindlichkeit gegenüber, ja er ſpricht mit lebhafter Theilnahme davon, wie viel und ſtandhaft Reutlingen, die einſt ihm ſo verhaßte Stadt und die nächſte und letzte Urſache ſeines Sturzes, um ihrer prote⸗ ſtantiſchen Geſinnung willen zu leiden habe. Er lacht, als von Andern geäußert wird, es gebe in Württemberg jetzt nur zwei Todſünden:das Grvangelium lieben und an Herzog Ulrich denken.