Jahrgang 
2 (1862)
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462 Frühlingstage auf einem Schloß im Harz.

erkannte ich auch, daß ihre Liebe zu mir ebenfalls unverändert geblieben war, denn ſie ſchloß mich jubelnd in die Arme und führte mich im Triumph in ihreBurg und in das Zimmer meines Oheims, wo dieſer, ein ſtattlicher, freundlich blickender Fünfziger, eben ſeine Arbeit beendet hatte und in den Garten gehen wollte, um ſich unter ſeinen Bäumen und Blumen von ſeinen anſtrengenden Berufsgeſchäften zu erholen. Auch er, ſo wie meine Couſine, ein lebhaftes, friſches Mädchen von achtzehn Jah⸗ ren, begrüßten mich mit Jubel, und einſtimmig ward mir ſofort erklärt, daß ich bis zum letzten Tage meiner Ferien auf dem Schloſſe bleiben müſſe.

Mein Oheim meinte lächelnd, hoffentlich werde es mir in ſeiner alten Ruine gefallen, und damit ich gleich in demDurcheinander von Zimmern, Kammern und Gängen heimiſch werde, führte er mich in ſeinemverfallenen Bau herum. Daß Kunſt und guter Geſchmack viel zu Stande bringen können, hatte ich zwar ſchon oft im Leben erfahren; aber daß dieſelben aus einem Chaos der verſchiedenartigſten Räume inner⸗ halb eines faſt ärmlich ausſehenden Bauwerkes ein ſo poetiſches Woh⸗ nungsparadies zu ſchaffen vermöchten, hätte ich nicht geglaubt. Da gab es elegant möblirte, mit ſchönen Bildern und Skulpturen gezierte große Zimmer, deren Fenſter ganz von blühenden Bäumen beſchattet waren; daneben kleine reizende Stübchen, deren tiefe, durch gewaltig dicke Mauern gebildete Fenſterniſchen in epheubekleidete Grotten umgewandelt waren; dazwiſchen trauliche, behaglich eingerichtete, ſonnige Arbeits⸗ und Wohn⸗ zimmer, luftige, helle Schlafzimmer u. ſ. w. Im Thurm befanden ſich die Gerichtszimmer, die Archive und dergleichen. Alle dieſe Räume ſtan⸗ den durch Flügel⸗ und Tapetenthüren oder durch Treppen miteinander in Verbindung und aus allen konnte man den umfangreichen Garten, das Städtchen und die umliegenden Höhen überſchauen.

Ueberhaupt war das Schloß bedeutend größer, als die Seite, wo ſich der Haupteingang befand, vermuthen ließ. Dasſelbe war nämlich, wie ich bei der Wanderung durch den hintern Theil des Gartens bemerkte, auf dem Abhang eines Hügels errichtet, ſo daß die Rückſeite des Gebäudes ein Stockwerk mehr hatte als die Vorderſeite. Dieſer Abhang, ſowie der zur Hälfte ausgefüllte ehemalige Schloßgraben waren in hübſche Garten⸗ anlagen verwandelt, die für alle Tageszeiten die anmuthigſten Ruheplätze darboten, wo man von dem Treiben der kleinen ſtädtiſchen Welt nichts hörte und ſah.

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